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Interview mit Reinhard Beck und Olaf Suplicki: Teil IV – Der Blick auf die heutige BVB | Fan- und Förderabteilung

Interview mit Reinhard Beck und Olaf Suplicki: Teil IV – Der Blick auf die heutige BVB | Fan- und Förderabteilung

Im letzten Teil des Interviews erzählen Olaf Suplicki und Reinhard Beck, wie intensiv die Arbeit als Vorstand der BVB | Fan- und Förderabteilung (FA) war, welches Verhältnis sie heute zu der FA haben und welche Aufgaben ihrer Meinung nach heute in der FA zu leisten sind.

K1600_JHS_6536BVB | Fan- und Förderabteilung: Wie wirkt das auf Dich, Olaf, wenn Du mitkriegst, dass die FA mittlerweile fast 15.000 Mitglieder hat?

Olaf Suplicki: Wenn du einen Mitgliedsantrag ausfüllst, der Hauptverein ist bei etwa 110.000 Mitgliedern, kannst du mehrere Abteilungen ankreuzen. Du schaust da drauf und überlegst: „Handball – nö, Tischtennis – nö, Fanabteilung – die ist gut!“ Das hat natürlich auch was mit der guten Arbeit zu tun, die da geleistet wird. Aber wenn es hart auf hart kommt, hast du 500 Leute, auf die du dich verlassen kannst. Deshalb bin ich nicht immer stolz auf diese Mitgliedszahlen und darauf, wie sich die Mitgliederzahlen bei Borussia Dortmund entwickelt haben, weil die Leute alle zu einer Zeit gekommen sind, als es gut lief, und weil die Leute Eintrittskarten für die Fußballspiele haben wollen. Und das finde ich persönlich traurig. Ich bin am 1. Mai 1976 Mitglied geworden, da hat Borussia Dortmund in der Zweiten Liga, Gruppe Nord, gespielt. Damals bin ich Mitglied geworden, weil es eine Herzensangelegenheit war! Wenn man Mitglied werden sollte in einem Fußballverein, dann kann man auch nur in diesem einen Mitglied sein. Es gibt aber Leute, die sind in Köln, in Gladbach und wer weiß noch wo Mitglied – das finde ich scheiße! Das hat nichts mit Borussia zu tun. Ich treffe und sehe seit 30 Jahren immer dieselben Leute. Vielleicht auch ein paar, die neu dazugekommen sind und das Herz am rechten Fleck haben. Leute, die sich engagieren wie Jan-Henrik Gruszecki oder Tobias Westerfellhaus in der FA oder Jakob Scholz. Das finde ich gut. Das sind Borussen, die sind von mir auch echt akzeptiert. Aber der Rest ist wahrscheinlich dem Zeitgeist unterworfen. Aber bei mir war es nicht Zeitgeist, ein Mitglied zu werden. Ich hatte früher zehn Mark Taschengeld im Monat und davon habe ich zwei Mark für Borussia abgedrückt. Davon habe ich mir eine Klebemarke an der Geschäftsstelle geholt, habe die in mein Heftchen geklebt und mich gefreut, dass ich wieder einen Monat dabei bin. Irgendwann, im übernächsten Jahr, habe ich die 40 Jahre Mitgliedschaft voll und kriege eine schöne Urkunde. Da freue ich mich drauf!

Viel in der FA ist aus dem Gefühl der Verbundenheit entstanden und dem Drang, dem Verein helfen und ihm etwas Gutes tun zu wollen, ihn aber auch in die richtige Bahn zu lenken. Denkst Du, so eine Zeit wird wiederkommen?

Olaf Suplicki: Ich denke schon. Es sind nur die Leute, die sich verändern, und es ist die Frage, was sind das für welche, die in der FA sind. Ihr beide seid ja in der FA aktiv und kennt da auch bestimmt ein paar Leute, mit denen Ihr super gut klarkommt. Auf wen du zählen kannst, merkst du erst, wenn es scheiße läuft! Dann weißt du, wer da ist und wer mit dir kämpft, wer nachts auf der Straße steht und Plakate klebt, wer um Mitternacht ins Stadion geht und Choreos vorbereitet, wer Fähnchen näht, wer zu Auswärtsspielen fährt. Ich kenne noch viele Leute aus der alten Zeit und glaube, heute gibt es genauso viele Freundschaften, wie es sie damals gab. Und wenn das ein Teil der FA-Arbeit ist, Freundschaften zu stiften, dann ist das wunderbar. Wenn man so eine Fahrt mitmacht wie damals auf dem Boot nach Bremen oder wenn man mit dem Bus der FA fährt, dann kennen sich viele schon über Jahre. Auch das ist Borussia. Das war bei mir ja auch so. Vor der FA gab es 25 Jahre Borussia, die ich mitgestaltet habe, in denen ich in diversen Fanclubs war. Viele Leute treffe ich heute noch. Jeder ist älter geworden, jeder geht mit einem anderen Bekanntenkreis ins Stadion, vielleicht sitzt man auch woanders. Aber unterm Strich treffen wir uns doch immer irgendwo. Das macht Borussia Dortmund insgesamt aus und natürlich auch die FA. Das sind Freundschaften, die du findest, und Erlebnisse, die du teilst. Wenn ich an meine Zeit in der FA denke, dann gibt es auch noch Menschen, zu denen ich richtig guten Kontakt habe, z. B. Reinhard Beck. Wir beide sind sehr gut befreundet und treffen uns regelmäßig. Eigentlich haben wir uns gesucht und gefunden. Wenn es mir schlecht geht, kann ich ihn immer anrufen. Das sind diese Freunde, die man dann findet.

Reinhard Beck: Wenn Leute wie Guido Schnittker nicht im Hintergrund gewesen wären … (legt eine kleine Pause ein) Guido Schnittker war ja auch lange nach uns noch da. Ohne Guido Schnittker hätten wir das nie überstanden! Wir hätten das nie geschafft. Ich sage immer, dass ich nach einem Jahr FA-Vorstand völlig fertig war. Ich weiß heute wirklich nicht mehr, wie ich es geschafft hatte – auch beruflich war das grenzwertig. Deswegen habe ich auch nach einem Jahr Vorstandsarbeit gesagt, jetzt ist Feierabend, und war froh, als der Tag gekommen war. Guido Schnittker hingegen machte immer brav weiter.

Olaf Suplicki: Und wir beide wissen, was das für eine harte Arbeit gewesen ist.

Reinhard Beck: Jeder, der einen Job in der FA macht – und sei es nur in irgendeinem Projekt –, wird schnell merken, was das oft für ein undankbarer Job ist. Du reißt dir den Hintern auf für die Leute und die Leute sind megaengagiert, auch in der letzten Reihe. Aber die kriegen eher was auf den Deckel, als dass sie gelobt werden! Das ist halt unheimlich schwer.

Olaf Suplicki: Mir war auch klar, dass es mal Probleme geben würde. Das ist wie beim Arzt: Du gehst hin, wirst operiert, hast riesige Schmerzen und nach drei Wochen oder drei Monaten vergisst du die Schmerzen und findest es schön, dass du wieder laufen kannst. Genauso war es hier auch. Nach einer Zeit vergisst du den ganzen Mist, den du erlebt hast. Dass du beleidigt und attackiert worden bist und dass Leute dir Sachen krummgenommen haben.

K1600_20131124_JHV_JHS_2617Reinhard Beck: Man hat eigentlich immer an zwei Fronten gekämpft. Es war selten so, dass die, für die du dich einsetzt, dir auch folgen. Das funktioniert nicht, weil du bei 80.000 Menschen im Stadion gefühlt 30 verschiedene Strömungen und 100 verschiedene Interessen hast. Und das Gleiche erlebst du von Vereinsseite aus. Oft bist du das arme Würstchen dazwischen. Das musst du aushalten können. Aber von den Mitstreitern, die uns auf unserem Weg begleitet haben, habe ich gelernt, dass du dich auf diese Leute verlassen kannst. Wir haben uns auch gerieben, uns gestritten und gefetzt ohne Ende.

Olaf Suplicki: Aber immer auf einer vernünftigen Basis und so, dass man sich in die Augen gucken konnte. Wenn eins bei uns immer Sache war, dann reden. Wir müssen reden und dann geht es auch.

Reinhard Beck: Du musst die Leute an einen Tisch holen, wenn nichts mehr geht, musst du zum Äußersten greifen und reden.

Olaf Suplicki: Das galt auch für uns beide. Wir brauchten einen permanenten Austausch, sonst hätten wir das gar nicht überstanden. Für mich waren diese drei Jahre die intensivste Zeit meines Lebens.

Reinhard Beck: Ich habe immer gesagt, dass ich vor jedem, der sich da engagiert, riesengroßen Respekt habe, und wenn die Leute nur irgendwo aufräumen – das ist immer noch die Stärke unseres Vereins! Das habe ich auch kurz vor dem diesjährigem Pokalfinale bei Facebook geschrieben: 2005 hatte ich nur den Wunsch, dass mein Verein die schlimmste Finanzkrise seiner Vereinsgeschichte schadlos übersteht. Heute stehe ich im Stadion und kann es gar nicht richtig fassen. Seit 2005 zwei Meisterschaften, Champions-League-Finale und heute der dritte Pokalfinaleinzug. Wird einfach mal Zeit, allen, die daran seit 2005 mitgearbeitet haben, zu danken. Vom ehrenamtlich tätigen Fan über die BVB-Mitarbeiter, Vereinsführung, sportliche Leitung, Spieler und die geilsten Fans der Liga. Bin mächtig stolz auf meinen BVB!

Olaf Suplicki: Jeder weiß auch, wenn es Spitz auf Knopf kommt, stehen die Leute, die damals da waren, wieder vor der Tür. Wenn wir Probleme in der FA hatten, haben wir immer von unserem Kampfanzug gesprochen. Ich sagte: „Reinhard, ich geh mal kurz zum Schrank, meinen Kampfanzug anziehen.“ Heute ist er schon leicht angestaubt, aber er hängt da noch. Ich würde mich nicht scheuen, den Schrank wieder zu öffnen und den Anzug wieder rauszuholen. Wir haben damals nicht gekämpft, damit man die FA irgendwann behandelt wie Dreck. Wir haben dafür gekämpft, dass die Fans ein Mitspracherecht haben und aktiv eingebunden werden. Und sollte der Zug in die falsche Richtung fahren, wird der Kampfanzug abgestaubt.

Wir haben jetzt 2014. Gibt es irgendwas, was Ihr der FA als Tipp mitgeben möchtet, oder etwas, das Euch ein bisschen heutzutage fehlt?

Olaf Suplicki: Ich glaube, dass es bei 15.000 Mitgliedern schwierig ist, diesen Zusammenhalt zu schaffen, den wir damals in der Anfangszeit hatten. Aber wenn man Borusse ist und ehrlich obendrein, reicht das, um einen guten Job zu machen und gut miteinander klarzukommen. Ich halte es immer noch für wichtig, miteinander zu reden. Daher sollte man mal überlegen, wie man mit alten verdienten Leuten der FA umgeht. Ich hätte es zum Beispiel für eine tolle Idee gehalten, wenn man gesagt hätte: „Zehn Jahre FA – wir gründen einen Ältestenrat, in dem alle drin sind, die da mal maßgeblich beteiligt waren!“ Das muss kein Entscheidungsgremium sein, aber warum sollte man sich nicht mal einen Ratschlag von den Alten holen? Sowohl Reinhard als auch ich haben uns in den letzten Jahren ganz gut vernetzt. Das können die heutigen Aktiven doch alles nutzen.

Reinhard Beck: Andere würden das vielleicht anders beurteilen, aber nachdem wir aus der FA raus waren, haben wir keinen Einfluss mehr auf die FA genommen. Natürlich haben wir mal unsere Meinung gesagt, wenn jemand anrief oder uns vorm Stadion angesprochen hat. Aber wir haben uns bewusst komplett rausgenommen, um den neuen Leuten die Chancen zu geben, ihr eigenes Profil zu entwickeln. Aber ich bin immer ein großer Kritiker gewesen. Wenn mir irgendwas nicht gefiel, bin ich hin und habe das gesagt.

Olaf Suplicki: Allerdings den Leuten direkt in die Augen und nicht hinten rum. Ich möchte nicht arrogant sein, aber ich glaube, ich kann auch für die FA noch ein bisschen was tun, gerade intern. Aber ich will den Leuten nirgendwo reinquatschen, es sei denn, man fragt nach meiner Meinung. Ich würde es selbst unmöglich finden, wenn mir jemand in meinen Job reinreden wollte. Ich weiß auch gar nicht, ob ich es besser könnte. Zu der Zeit, als ich es gemacht habe, konnte ich es ganz gut, sonst wäre die Abteilung heute nicht so stark. Darauf bin ich auch stolz. Ich weiß, wo der Hebel anzusetzen ist, wenn es mal nicht läuft. Aber wenn Schluss ist, ist Schluss. Trotzdem bleibt die FA mein Baby, genauso, wie das BORUSSEUM mein Baby ist. Das lässt mich nicht mehr los und deshalb habe ich immer ein Auge auf die FA und gucke natürlich, was da so passiert. Ich finde es immer noch gut, wenn der Vorsitzende der FA auf der Jahreshauptversammlung des BVB steht und einen Bericht abgibt. Allein dafür hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Wie wichtig so eine Abteilung ist, erkennen die meisten erst, wenn es schlecht läuft.

Die Aufgabenbereiche in Euren Anfangstagen waren andere, als sie es heute sind. Was kommt in den nächsten Jahren an Arbeit auf die FA zu?

K1600_JHS_6569Olaf Suplicki: Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit dem Rassismus stärker anzugehen sein wird. Allein schon durch die Zuwanderungen, die im Augenblick aus Osteuropa und so weiter kommen. Da passiert ja einiges. Man merkt schon, dass sich die Gesellschaft aufgestachelt hat und der Rechtsradikalismus zunimmt. Da sehe ich eine große Aufgabe der FA, den Zusammenhalt im Verein beizubehalten, die Basis im Auge zu behalten und immer wieder Forderungen zu stellen. Fanpolitische Aufgaben sind wichtig. Kein Zwanni für ’n Steher ist eine wichtige Nummer. Wenn ich für meine Familie vier Sitzplätze für das nächste Auswärtsspiel haben will und da mit dem Auto hinfahre, bin ich 300 Euro los. Wer soll das bezahlen? Es darf hier nie so werden wie in England. Damit muss man vernünftig umgehen. Heute weiß jeder, was die FA ist und was die macht. Ich glaube, dass Themen wie Fanpolitik, Antirassismus und der Zusammenhalt der Fans elementar wichtig sind, und finde das alles cool, was da läuft. Das kann man nur mit Ruhe und Gelassenheit angehen. Und irgendwann wird vielleicht der Tag kommen, an dem es dem Verein wieder schlechter geht. Dann muss man den Kampfanzug wieder rausholen. Dann werden Leute da sein, die das machen. Wir haben einen Teil der Geschichte der FA geschrieben, vielleicht einen ganz entscheidenden Anteil im Vorfeld. Darauf bin ich stolz, aber da bilde ich mir nichts drauf ein. Ich war vielleicht genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Teilweise tat es weh, teilweise hat es mich persönlich verletzt, aber ich hab es für Borussia Dortmund gemacht. Und wenn du dann nach der langen harten Arbeit den Titel feierst, weißt du, wofür du es gemacht hast. Wenn die Leute feiern und auf den Straßen stehen, dann ist alles toll.

Wir bedanken uns recht herzlich für die Zeit, die Ihr beiden uns zur Verfügung gestellt habt!

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