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Luftschlösser der rosigen Zukunft an der Strobelallee

Der Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund stand im Laufe seiner über 100-jährigen Geschichte zwar mehrmals am Rande des Ruins, aber die Beinahe-Insolvenz von 2004/05 hat die deutlichsten Spuren im Selbstverständnis des Vereins und seiner Fans hinterlassen. Deswegen werden an dieser Stelle noch einmal die Vorgänge beleuchtet, die überhaupt zu der prekären Lage des Vereins geführt hatten. Im ersten Teil geht es um die wirtschaftlichen und sportlichen Ereignisse, im September stehen die Fans und ihre (Re-)Aktionen im Mittelpunkt.


„Investitionen in Steine …“

Nachdem der Verein Ende der 80er sportlich und finanziell wieder in ruhigere Gewässer gekommen war, entwarf Gerd Niebaum, 1986 zum neuen Vereinspräsidenten gewählt, ein ambitioniertes Projekt: Der BVB sollte wieder so erfolgreich sein wie in den 50er und 60er Jahren. Die neu verpflichteten Spieler waren ein voller Erfolg und mit dem Gewinn des DFB-Pokals 1989 konnte Borussia Dortmund den ersten Titel seit 23 Jahren feiern.

Die folgenden zehn Jahre veränderten den Verein auf den verschiedensten Ebenen nachhaltig. Es begann nun eine Investition in „Steine und Beine“. Die erste sichtbare Neuerung waren die Umbaumaßnahmen am und im Stadion. Zunächst wurde 1992 die Anzahl der Sitzplätze auf Kosten der Stehplätze erhöht. Insgesamt sank damit zwar das Fassungsvermögen des Stadions, aber man erhoffte sich mehr Einnahmen durch mehr Sitzplätze. Durch die sportliche Aufwärtsentwicklung in den folgenden Jahren stieg auch die Nachfrage nach Eintrittskarten, sodass schon bald die Plätze nicht mehr ausreichten. In zwei Bauabschnitten, 1995-96 und 1998, wurden erst die Ost- und Westtribünen und anschließend die Nord- und Südtribünen aufgestockt, sodass ab der Spielzeit 1998/99 68.800 Zuschauer im Stadion Platz fanden. Im Zuge dieser Ausbaumaßnahmen wurde 1995 die Westfalenstadion Dortmund GmbH & Co. KG gegründet, an der der BVB zunächst 47 Prozent Anteile hielt.

Für Gerd Niebaum war der Ausbau des Stadions auch ein Ausdruck dafür, dass der BVB international mitmischen konnte. Als sportliche und wirtschaftliche Vorbilder schwebten dem Präsidenten Klubs wie Real Madrid, Barcelona oder Manchester United vor, mit deren Namen aber auch einzigartige Stadien verbunden sind. Daher betrieb Niebaum entgegen aller Warnungen von Skeptikern ab 2001 einen weiteren Ausbau des Stadions. Durch den Ausbau der Ecken sollten weitere 14.500 Plätze geschaffen werden. Niebaum erachtete diesen Schritt als notwendig, wenn man den Zuschlag für attraktive Spiele während der WM 2006 bekommen wolle. Finanziert wurde der Umbau (2002-2003) mit dem Verkauf von Anteilen an der Westfalenstadion Dortmund GmbH & Co. KG zunächst an die Molacra Vermietungsgesellschaften mbH, später an die Molsiris Vermietungsgesellschaften mbH & Co., beides Töchter der CommerzLeasing und Immobilien AG. Ab 2003 besaß Borussia Dortmund nur noch 6% des Westfalenstadions, musste aber im Mittel 15 Millionen Euro Stadionmiete bezahlen und war verpflichtet, 2017 das Stadion zurückzukaufen. Zu diesem Zweck musste ein Großteil des Verkaufserlöses in ein verpfändetes Depot eingezahlt werden. Die Kosten waren immens und ließen sich durch die höhere Zuschauerkapazität so schnell auch nicht annähernd refinanzieren.


„… und Beine“

Auf der sportlichen Seite hatte Präsident Niebaum die Vision von Borussia Dortmund als erfolgreichste Mannschaft Deutschlands. Bei dem Projekt, die Vormachtstellung des FC Bayern München zu brechen, ging die damalige Vereinsspitze davon aus, dass dies nur „mit den Mitteln des FC Bayern“ möglich wäre. Dieser hatte jedoch durch ein geschicktes Management seit den 70er Jahren einen wirtschaftlichen und damit auch sportlichen Vorsprung. Um nun Spitzenfußballer nach Dortmund zu locken bzw. dort zu halten, griff man tief in die Schatullen und hoffte auf eine erfolgreiche Zukunft, die entsprechende finanzielle Mittel in die Kasse spülen würde. Zwischen 1992 und 1996 wurden für mehr als 40 Millionen DM mehrere (deutsche) Nationalspieler vor allem aus Italien geholt, die der Grundstein für die Doppelmeisterschaften von 1995 und 1996 und den Gewinn der Champions League 1997 waren. Diese Transferpolitik zahlte sich also aus. Im Glauben, nun dauerhaft erfolgreich im Geschäft zu sein und auch internationale Erfolge feiern zu können, und aufgrund der Einnahmen aus der Fernsehvermarktung, die mit dem Aufkommen des Privatfernsehens seit Mitte der 90er Jahre explodierten, wurden nicht nur Rekordsummen für Transfers ausgegeben, sondern auch fürstliche Gehälter gezahlt. Im Wettbieten um die besten Spieler stiegen die Summen weiter. Der BVB-Führung schien so ziemlich jedes Mittel recht zu sein, um dem Konkurrenten aus Bayern ein Schnippchen zu schlagen. Aufgrund des Bosman-Urteils von 1995 erhöhten sich zum einen noch diese Kosten und zum anderen floss nun immer mehr Geld aus dem Kreislauf der Vereine auf die Konten der Spieler und deren Berater.

In den 90er Jahren setzte Borussia Dortmund bei der Kaderplanung vor allem auf den Kauf gestandener Spieler. Nach dem Triumph in der Champions League wurde es versäumt, den Kader zu verjüngen und die älteren Spieler gewinnträchtig zu verkaufen. Diese emotional verständliche Entscheidung wäre wirtschaftlich gesehen jedoch notwendig gewesen, denn schon damals war es um die Finanzen des Vereins nicht gut bestellt. Der Erfolg der Jahre 1995 bis 1997 schien jedoch wie eine Droge zu wirken und es wurden weitere teure Spieler für Rekordsummen gekauft. Diese erfüllten allerdings die hohen Erwartungen in sie nicht immer. Zwar gewann Borussia Dortmund 2002 noch einmal die Meisterschaft, aber ansonsten waren die sportlichen Glanzzeiten erst einmal vorbei. Die eingerechneten Gelder aus europäischen Wettbewerben und dem DFB-Pokal blieben aufgrund mangelnden sportlichen Erfolgs aus.

Um alle Transfers und Spitzengehälter zu finanzieren, häufte die Vereinsführung immer mehr Schulden an und ging riskante und undurchsichtige Geschäfte ein. Beispielhaft dafür war der Deal mit dem AC Parma über Marcio Amoroso 2001. Borussia Dortmund zahlte Parma 15 Millionen DM. Im Gegenzug „verkaufte“ der BVB Evanilson für 39 Millionen DM an den AC, um ihn sich sogleich für jährliche 500.000 DM plus einer späteren Fixsumme von 14 Millionen DM zurückzuleihen. Dieses sogenannte Sale-and-lease-back-Verfahren war zwar zu der Zeit kein unübliches Wirtschaftsinstrument, aber Niebaum und Meier wandten es besonders häufig in verschiedensten Bereichen an, ohne dass es auf lange Sicht ökonomisch sinnvoll war.

 

Modernisierung der Vereinsführung

Eine weitere tief greifende Veränderung war die Umwandlung des Vereins in ein (mittelständisches) Unternehmen und die zunehmende Professionalisierung der Vereinsführung. Mit der Verpflichtung von Michael Meier im Dezember 1989 hatte der BVB nun im dritten Anlauf einen hauptamtlichen Manager, der seine Arbeit verstand und nicht gleich floppte. Bereits die 80er Jahre hatten gezeigt, dass diejenigen Vereine langfristig sportlich erfolgreich waren, die den Fußball auch als Wirtschaftskraft offen einsetzten. Im Geschäft Fußball reichte ein ehrenamtlicher Vorstand nicht mehr aus, um die Arbeit zu bewältigen. Viele Vereine gliederten Ende der 90er Jahre ihre Lizenzspielerabteilungen in neu gegründete Gesellschaften aus, um professioneller arbeiten zu können. Bei den Klubs, die in der Saison 2013/14 in der Ersten Bundesliga vertreten sind, überwiegt die Gesellschaftsform der Gesellschaft mit beschränkter Haftung und Kommanditgesellschaft auf Aktien (GmbH & Co. KGaA). Je vier Vereine treten als reine Aktiengesellschaft bzw. als Gesellschaft mit beschränkter Haftung auf. Lediglich vier Vereine, der SC Freiburg, der 1. FC Nürnberg, der VfB Stuttgart und der 1. FSV Mainz 05, sind noch reine eingetragene Vereine, die jedoch von hauptamtlichen Managern geführt werden. Im Zuge der Ausgliederung der Profimannschaften begannen viele Vereine auch, Tochterunternehmen im Fußballumfeld zu gründen, um ihre Einnahmequellen zu diversifizieren und weniger abhängig von sportlichen Erfolgen zu sein.

 

„Die Börse wartet auf uns!“

Aktienkurs bis Nov 2003Borussia Dortmund führte seine Profi- und Amateurfußballmannschaft zur Spielzeit 1999/2000 in eine GmbH & Co. KGaA über. Nur wenig später, am 26. Februar 2000, wurde der Börsengang des Vereins beschlossen. Vorbild war dabei Manchester United, das bereits seit 1991 an der Börse war und seitdem seinen Wert in den Milliardenbereich schrauben konnte. Allerdings hätte der Börsengang der meisten anderen europäischen Sportvereine abschreckend wirken müssen, da mit wenigen Ausnahmen Fußballaktien die hohen Erwartungen, die zu hohen Ausgabenpreisen führen, nicht erfüllen und Verluste machen.

Aufgrund der damaligen sportlichen Misere erfolgte der Börsengang der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA später als ursprünglich geplant, sodass zum Zeitpunkt der Erstemission der Börsenhype der späten 90er Jahre schon auf dem Abschwung war. Gerd Niebaum war mit seinen Zukunftsvisionen allerdings nicht allein. Auch Uli Hoeneß hatte 1997 die Vorstellung, zunächst ein neues Stadion zu bauen und dann an die Börse zu gehen, wobei er davon ausging, dass das Interesse an der FCB-Aktie das an der Telekom-Aktie noch übersteigen würde. Allerdings wurde nur das erste Vorhaben umgesetzt. Die FCB-Aktien sind zu 80 Prozent immer noch im eigenen Besitz und nicht an der Börse.

Um die Marke BVB interessanter und unabhängiger vom sportlichen Erfolg zu machen, wurden ab 2000 mehrere Tochterfirmen gegründet. Die Sportbekleidungsfirma goool.de sollte langfristig Nike und Adidas Konkurrenz machen, schaffte es aber nie, nennenswerte Marktsegmente zu erobern. Im Medienbereich sollten das Fanzine Borussia live und das Internetportal Kickbase die Fans mit Informationen versorgen und an den BVB binden. Auch diese beiden Unterfangen floppten sehr bald und hinterließen hohe Kosten. Zurück blieb davon nur die Firma Sports & Bytes, die noch heute für die Internetauftritte des BVB verantwortlich ist. Des Weiteren gründete man das Reisebüro B.E.S.T., erwarb das Hotel Lennhof, in dem sich die Mannschaft vor Heimspielen stets versammelt, erhöhte die Beteiligung an der Westfalenstadion Dortmund GmbH & Co. KG auf 75 Prozent und kaufte sich mit 33,4 Prozent beim Reha-Unternehmen Orthomed GmbH ein.

 

Vabanquespiele

Zum Zeitpunkt des Börsenganges schien Borussia Dortmund nach außen hin also wie ein „kerngesundes Unternehmen“, wie Präsident Niebaum gerne betonte, das aufgrund von einmaligen Investitionen gerade nicht ganz so viel Gewinn machte. Hinter der Fassade verbarg sich aber ein kompliziertes Konstrukt von Kreditgeschäften, zu deren Sicherung sogar Transfererlöse und das Nutzungsrecht für den Namen und das Logo verpfändet wurden. Dass lange Zeit nicht auffiel, wie zittrig die finanziellen Standbeine des BVB waren, hatte mehrere Gründe. Zum einen konnten Präsident Niebaum und Manager Meier immer wieder mithilfe von zwar legalen, aber etwas unseriösen Bilanztricks und glühenden Visionen einer rosigen Zukunft den Eindruck erwecken, als sei Borussia Dortmund kurz vor dem Durchbruch ins ganz große Geschäft. Im ersten Geschäftsbericht von 2001 war stets nur von Konsolidierung die Rede. Des Weiteren hieß es, dass „keine wesentlichen Risiken“ bekannt seien. Zum anderen besaßen viele im Fußballumfeld eher rudimentäre Wirtschaftskenntnisse und fragten daher nicht so genau nach bzw. gaben sich schnell mit oberflächlichen Antworten zufrieden. Außerdem besaß die Geschäftsführung aufgrund ihrer vorherigen Erfolge einen großen Vertrauensbonus. Des Weiteren war bei der Gründung der KGaA, deren Geschäftsführer Niebaum und Meier in Personalunion mit ihren Vorstandsposten beim e.V. waren, die Konstruktion so geschaffen, dass es kein effektives Kontrollgremium gab. Lediglich einige Börsenexperten waren skeptisch gegenüber den neuen Papieren.

 

Die Fassade beginnt zu bröckeln

Nach der verpassten Qualifikation für die Champions League in der Saison 2003/04 handelte die BVB-Führung im Sommer 2003 mit der Mannschaft aus, dass 20 Prozent des Gehalts in leistungsabhängige Zahlungen verwandelt wurden, um den Ausfall der zusätzlichen Einnahmen ein wenig zu kompensieren. Bei dieser Maßnahme war das Management auf den Goodwill der Spieler angewiesen, denn eine von oben verordnete Gehaltskürzung hätte die bestehenden Verträge nichtig gemacht. Die Spieler hätten ablösefrei wechseln können.

Die zeitgleichen Berichte im Kicker und in der Süddeutschen Zeitung vom 22. Dezember 2003 über einen anstehenden Deal mit der privaten Investmentbank Schechter & Co. Ltd. zur Finanzierung eines Liquiditätsengpasses machten die riesigen Löcher im Haushalt für eine breite Öffentlichkeit deutlich. Wie die meisten Artikel über die Finanzmisere des BVB in den Folgemonaten wiesen Niebaum und Meier diese Berichterstattung als „Falschmeldungen“ und diffamierend zurück. Die lokalen und bundesweiten Medien berichteten nun ausführlich über die finanzielle Schieflage des Dortmunder Bundesligisten und deckten fast wöchentlich immer mehr Schuldenlöcher und ausstehende Zahlungen gegenüber Vertragspartnern, der Stadt, Spielern und Trainer auf.

Im Januar 2004 wurde die BVB-Aktie als „underperform“ herabgestuft und der Kurs der Aktie sank. In den Gremien des Vereins und der KGaA wurden erste Forderungen nach einer Änderung der bisherigen Geschäftspraktiken und einem dritten Geschäftsführer laut. Doch noch standen die meisten Gremienmitglieder zur Geschäftsführung und bis auf den Rücktritt von Gerd Reibert als Mitglied des Wirtschaftsrats änderte sich zunächst nichts. Die Veröffentlichung der Halbjahreszahlen deckten noch größere Verluste auf als erwartet: knapp 30 Millionen Euro allein in der Hinrunde. Außerdem hatte sich das Eigenkapital innerhalb kürzester Zeit um 30 Millionen Euro verringert. Entgegen seiner sonstigen Darstellung bezeichnete Niebaum diese Zahlen nun als „Super-GAU“ und „angespannte Liquiditätslage“. Nichtsdestotrotz sah die Deutsche Fußball Liga keinen Grund, dem BVB die Lizenz zu entziehen, da sie das Eigenkapital als immer noch ausreichend einstufte. Im Juni 2004 wurde bekannt, dass die Namensrechte am Westfalenstadion für fünf Millionen Euro an die Assunta GmbH verkauft worden waren. Borussia Dortmund hatte nur noch bis zum 30. Juni 2004 Zeit, von diesem Geschäft zurückzutreten.

Am letzten Spieltag verpasste die Mannschaft durch ein Unentschieden beim 1. FC Kaiserslautern die direkte Qualifikation für den UEFA-Cup. Im Sommer trennte sich der BVB vom gut bezahlten Trainer Sammer und gegen eine Ablöse von rund 10 Millionen Euro vom Nationalspieler Torsten Frings. Andererseits wurde für Stefan Reuter, der nach 12 Jahren beim BVB nun seine Fußballerkarriere beendete, eine neue Stelle geschaffen, dessen Aufgabenbereiche aber unklar blieben.

 

Letzte Finanzspritzen zum Überleben

Mit Beginn der Spielzeit 2004/05 beendete der BVB das Experiment des eigenen Ausrüsters und kehrte zu Nike zurück, die für einen Fünfjahresvertrag 45 Millionen Euro zahlten. Dennoch kam man im Spätsommer 2004 nicht mehr um eine Kapitalerhöhung herum, um den diversen Verpflichtungen nachzukommen und den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Einen Teil dieser neuen Aktien kaufte der Hedgefondsmanager Florian Homm, der erst kurz zuvor das Aktienpaket des Verlegers Norman Rentrop aufgekauft hatte. Mit nun 25,97 Prozent der BVB-Aktien war Florian Homm der größte Aktionär. Diese (finanzielle) Abhängigkeit nutzte Homm später, um von der KGaA-Geschäftsführung mehr Einfluss in den BVB-Gremien und einen Rücktritt Niebaums spätestens zum Zeitpunkt der Präsidiumswahlen 2006 zu fordern.

Gegenüber den Medien und der sonstigen Öffentlichkeit hielt Gerd Niebaum immer noch den Schein aufrecht, dass Borussia Dortmund ein „völlig gesundes“ Unternehmen sei und man nur „den einen oder anderen“ Managementfehler gemacht habe. Auf der Bilanzpressekonferenz am 8. Oktober 2004 gestanden Präsident Niebaum und Manager Meier zwar ein paar Fehler und ein Rekorddefizit von 67,7 Millionen Euro ein, wiesen aber auf die wirtschaftlich schlechten Zeiten hin und beteuerten, aus ihren Fehlern gelernt zu haben. Man wolle nun hart arbeiten, um den BVB wieder stark zu machen.

 

Änderungen an der Vereinsspitze

Kurz darauf stolperte Niebaum über eine geheime Absprache mit Großaktionär Homm über einen Rücktritt bis 2006 und über die Einsetzung eines dritten Geschäftsführers. Niebaum bestritt eine solche Vereinbarung, selbst als die Medien auf ein entsprechendes Fax hinwiesen, und bezeichnete sie schließlich als eine „Goodwill-Erklärung, um die Kapitalerhöhung nicht zu gefährden“. In den Gremien des BVB begann die Zeit der Krisensitzungen. Am 17. Oktober 2004 einigte man sich auf einen Kompromiss. Auf der Mitgliederversammlung im November sollte Gerd Niebaum nach 18 Jahren als Präsident zurücktreten. Sein Nachfolger sollte sein Vorgänger in diesem Amt werden: Reinhard Rauball, von 1979-1982 und 1984-1986 schon zweimal BVB-Präsident in Krisenzeiten. Im Gegenzug forderte Niebaum den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Winfried Materna, einer der wenigen, die schon früh auch öffentlich Kritik an der Amtsführung Niebaums übten.

Niebaums Rücktritt vom Amt des Vereinspräsidenten war auf den ersten Blick nicht einleuchtend, da er als Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA immer noch für die wirtschaftliche Misere verantwortlich war. Doch war dies ein erster Schritt, um ihm die Kontrolle über die KGaA zu entziehen. Die damalige Satzung des Ballspielvereins Borussia 09 e.V. Dortmund sah vor, dass der Präsident des Vereins qua Amt Mitglied des Präsidialausschusses war, wenn er nicht Geschäftsführer war. Der Präsidialausschuss wiederum kann als einziger die Geschäftsführer der KGaA einstellen und entlassen.

Auf der Mitgliederversammlung des Vereins am 14. November 2004 ging nun die Ära des Präsidenten Niebaum zu Ende und die dritte Amtszeit Reinhard Rauballs begann. Vorher mussten sich Niebaum und Meier, aber auch die Mannschaft viel Kritik anhören, dennoch wurde das Führungsduo mit 823 Ja-Stimmen zu 442 Nein-Stimmen entlastet. Zwei Tage später wurde auf der Hauptversammlung der KGaA ebenfalls heftig diskutiert. Auch hier stimmte die Mehrheit der anwesenden Aktionäre für die Entlastung, nachdem der Großaktionär Homm in seiner Rede für einen Verbleib der Geschäftsführung plädiert hatte. Allerdings wurden auch zwei von Homms Vertrauensleuten in den Aufsichtsrat gewählt. Niebaum und Meier gerieten immer stärker in Homms Abhängigkeit.

Aktienkurs Nov 2004 bis Apr 2005Wenige Tage vor der Mitglieder- und der Hauptversammlung war ein Konsolidierungskonzept unter der Federführung einer Münchener Managementberatung vorgestellt worden. Ehe es aber zu unpopulären Maßnahmen kam, verkündete Meier am 1. Februar 2005 das Ende der Zusammenarbeit. Man wolle in Zukunft alleine die einzelnen Punkte zur Ertragssteigerung und Kostensenkung abarbeiten.

Einen Tag später wurde bekannt, dass Meier und Niebaum im September 2000 den Vereinsnamen und das Logo im Rahmen eines Sale-and-lease-back-Geschäfts an den Gerling-Konzern verpfändet hatten und dieser zum 30. Juni 2005 nun 20 Millionen Euro zurückfordern wolle. Falls der BVB nicht zahlen könne, würden der Name und das Logo übertragen werden. In den Gremien und auf den Tribünen kochte die Wut über, während Niebaum und Meier versuchten, die Bedeutung dieser Vereinbarung herunterzuspielen. Am 9. Februar 2005 verbreitete Borussia Dortmund in einer kurzen Pressemitteilung den sofortigen Rücktritt Gerd Niebaums von seinem Amt als Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Michael Meier blieb zunächst als Geschäftsführer im Amt.

 

„Dann ist Schluss. Der BVB hat nichts mehr in der Hinterhand!“

Am 15. Februar 2005 stellte Reinhard Rauball auf einer Pressekonferenz Hans-Joachim Watzke, seit 2001 Schatzmeister des Vereins und interner Kritiker von Niebaum, als neuen Geschäftsführer der KGaA vor. Bereits zwei Tage später hielt dieser seine erste Pressekonferenz zusammen mit Michael Meier und Jochen Rölfs, dessen Firma ein neues Sanierungsprogramm für Borussia Dortmund entwickelt hatte. Dort wurde nun offiziell erklärt, dass sich die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA in einer „existenzbedrohenden Ertrags- und Finanzsituation“ befinde. Die Verluste und ausstehenden Zahlungsverpflichtungen waren so hoch, dass der BVB vor der Insolvenz stehen würde, wenn die Gläubiger den Sanierungsmaßnahmen in den folgenden Tagen nicht zustimmten.

Auf der Gläubigerversammlung am 18. Februar 2005 konnte die neue BVB-Führung zusammen mit dem Sanierer Rölfs einen Aufschub für die ausstehenden Zinsen und Rückzahlungen sowie neue kurzfristige Kredite aushandeln. Letztere waren notwendig, damit Borussia Dortmund die nächsten Wochen weitermachen konnte. „Ein erster Etappensieg ist […] damit gelungen“, hieß es in der Pressemitteilung. Kurz darauf musste im Halbjahresbericht für den Zeitraum 1. Juli bis 31. Dezember 2004 ein neuer Negativrekord vermeldet werden. Alles in allem summierten sich die Verluste auf 54,8 Millionen Euro, während das Eigenkapital – inklusive Spielerwerte – von 152,6 Millionen Euro Ende 2002 auf 51,4 Millionen Euro Ende 2004 geschmolzen war. Die tatsächlich frei verfügbaren Mittel waren im selben Zeitraum von 72 Millionen Euro auf 1,3 Millionen Euro gesunken.

 

„Entscheidend ist auffem Flugplatz“

Damit Borussia Dortmund weiterleben konnte, war eine Zustimmung der Gesellschafter der Molsiris GmbH zum Sanierungskonzept notwendig. Diese kamen am 14. März 2005 in der Event Terminal Halle auf dem Düsseldorfer Flughafen zusammen. Hans-Joachim Watzke erklärte zusammen mit Rölfs die geplanten Maßnahmen, stand Rede und Antwort und warb – wie schon im Vorfeld – um das Vertrauen der Anleger.

Nach schwierigen sechs Stunden stimmten die anwesenden Gläubiger, die auch die Offenheit und Ehrlichkeit von Watzke und Rölfs beeindruckt hatten, mit 94,4% den vorgeschlagenen Maßnahmen zu. Dem BVB wurde die Miete bis 2006 gestundet und er durfte an das verpfändete Depot, auf dem Gelder für den Stadionrückkauf im Jahr 2017 lagen. Mit diesem Geld wurden 42,8% des Stadions zurückgekauft, sodass sich die Miete entsprechend senkte. Die restlichen neun Millionen Euro benötigte der BVB für seine Liquidität, um den Spielbetrieb bis zum Saisonende aufrecht zu halten und die Lizenz für die nächste Saison zu erhalten.

Michael Meier, dessen Vertrag beim BVB zum 30. Juni 2005 endete und nicht verlängert wurde, arbeitete zusammen mit Watzke und dem Wirtschaftsprüfer Thomas Treß, seit 2006 ebenfalls Geschäftsführer der KGaA, an der Umsetzung des Sanierungskonzeptes. Nach und nach wurde nicht nur das komplexe Werk der diversen Finanzdeals der vergangenen Jahre aufgedeckt und versucht zu entwirren, sondern auch die Verbindlichkeiten abgearbeitet.

 

„Borussia 2.0“

Im April 2005 erhielt der BVB die Lizenz für die folgende Spielzeit. Um langfristig weiterhin die Lizenz zu bekommen, war nicht nur die dauerhafte Sicherung der Liquidität wichtig, sondern auch der lange aufgeschobene Bau eines neuen Trainingszentrums, um den Lizenzanforderungen der DFL zu entsprechen. Mithilfe der Dortmunder Stadtwerke wurde dieser Bau im September 2005 in Angriff genommen. Nach der Spielzeit 2004/05 verließen mehrere Fußballer den Verein, dafür wurden sechs Spieler aus dem eigenen Nachwuchsbereich in den Profikader geholt. Einige der lang gedienten Profis unterschrieben neue Verträge, in denen ihr Gehalt halbiert wurde. Die Personalausgaben für den Profikader konnten also weiter gesenkt werden. Zudem wurde ein neuer Sponsoring-Partner gefunden und für eine erfolgsabhängige Zahlung von 20 bis 25 Millionen Euro wurde der Name „Westfalenstadion“ ab Dezember 2005 in „Signal Iduna Park“ umgewandelt.

In einem Interview im Dezember 2010 beschrieb Michael Zorc, seit 1998 zunächst Sportmanager, später Sportdirektor beim BVB, dass man in dieser Zeit „Demut gelernt“ und den Verein komplett neu ausgerichtet habe. Nachdem man keine teuren gestandenen Spieler mehr kaufen konnte, profitierte man in dieser Zeit von der guten Jugendabteilung und einem guten Scoutingsystem. Viele verborgene Talente sind seitdem in Dortmund groß rausgekommen. Auch Geschäftsführer Watzke betont seitdem immer wieder, dass man, anstatt Schulden für die Zukunft zu machen, nur noch ausgebe, was man vorher auch verdient habe. Mit ihrer klaren Informationspolitik und ihrem geänderten Haushaltsgebaren hat die neue Geschäftsführung viel Vertrauen bei Finanzexperten, Anlegern und Gläubigern zurückgewonnen.

Bis zum 100. Geburtstag des Vereins konnten auf der wirtschaftlichen Seite wieder viele Erfolge gefeiert werden. Zwar musste 2006 das Kapital noch zweimal erhöht werden, aber man hatte bis zum Geburtstag sämtliche Marken- und Namensrechte und mithilfe eines 79,2-Millionen-Euro-Kredits von Morgan Stanley auch das Stadion im Juni 2006 zurückgekauft. Damit war die drückende Mietlast weggefallen. Bis 2008 war auch dieser neue Kredit getilgt. Ebenso hatte man in den zwei Jahren zuvor 122 Millionen Euro Schulden abgebaut und sah nun die Neustrukturierung des Unternehmens als abgeschlossen an. Aufgrund einiger letzter Altlasten und der internationalen Finanzkrise wurden 2009 und 2010 noch einmal rote Zahlen geschrieben, aber in den vergangenen Jahren sind die in der Bilanz ausgewiesenen Gewinne – nicht zuletzt wegen der sportlichen Erfolge – gestiegen.

Auch der Kurs der BVB-Aktie hat sich in den vergangenen Jahren wieder vorsichtig nach oben entwickelt und liegt momentan bei etwa drei Euro. Dies ist immer noch weit entfernt vom Ausgabepreis von elf Euro, aber deutlich über dem Allzeittief von 0,84 Euro im Juli 2009 und dem Tiefstand von unter zwei Euro während der Krise Anfang 2005. Im November 2012 wurde sogar erstmals seit dem Börsengang eine Dividende ausgeschüttet.


Claudia Kohte

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