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Beliebt ohne Erfolg – Bert van Marwijk

Wenn am 22. Februar unsere Borussia in Hamburg ran muss, wird es kein Wiedersehen mit einem alten Bekannten geben: Bert van Marwijk ist nicht mehr Trainer des HSV. Die Krise des Hamburger Vereins spitzt sich immer mehr zu und die Vereinsverantwortlichen geben ihrem Trainer keine Chance mehr den Kurs Klassenerhalt einzuschlagen. Dabei kennt sich der Niederländer mit krisengeschüttelten Fußballvereinen gut aus, denn vor über neun Jahren trat er am 1. Juli 2004 bei Borussia Dortmund seinen Posten als Cheftrainer an – mitten in einer Zeit, in der es beim BVB chaotisch herging.

5400658119_f4fda97e22_oDer unbekannte Cheftrainer

Manch ein Fan wusste im Sommer 2004 gar nicht, mit wem er es da zu tun hatte: „Lambertus? Bert? Ja, wat denn nun? Ich dachte, der Ottmar soll wieder Trainer werden!“ Die Gerüchteküche am Ende der Saison 2003/2004 brodelte. Matthias Sammer war als Trainer entlassen worden, weil er mit der Mannschaft die direkte Qualifikation zum UEFA-Cup mit dem sechsten Tabellenplatz nicht erreicht hatte. Ganz oben auf der Wunschliste vieler Fans stand die Rückkehr von Ottmar Hitzfeld, doch dann wurde ein eher unbekannter Trainer aus den Niederlanden als neuer Cheftrainer vorgestellt. Die meisten kannten Bert van Marwijk nur aus dem 2002er-Finale des UEFA-Cups, als der BVB auf Feyenoord Rotterdam traf und mit 3:2 verlor. Das war van Marwijks größter Erfolg, ansonsten aber war er bei den BVB-Fans unbekannt. Vielen galt er als zweite Wahl für den Trainerposten. Es hieß also, das Vertrauen der Fans zu gewinnen. In seiner ersten Pressekonferenz überzeugte van Marwijk die Beobachter mit seiner ruhigen und souveränen Art, die er mit einer guten Prise Humor würzte. Als er gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, ein paar niederländische Spieler zum BVB zu bringen, antwortete er trocken: „Ja, acht Stück!“ Damit hatte er die ersten Lacher auf seiner Seite, und das Eis war gebrochen.

Das kleine Wunder

Am Anfang seiner  Zeit beim BVB sah sich van Marwijk vielen Schwierigkeiten gegenüber. Der Verein hatte 98 Millionen Euro Schulden, Großanleger Florian Homm mischte sich häufig in die Vereinsangelegenheiten ein, Präsident Gerd Niebaum wurde schließlich abgesetzt – das waren nur einige der damaligen Geschehnisse. Die Probleme des BVB hinterließen ihre Spuren bei der Mannschaft, die nur mittelmäßige Taten auf dem Fußballplatz vollbrachte. Viele Fans waren nicht gut zu sprechen auf die dürftigen sportlichen Leistungen, die nur für eine Platzierung in der unteren Tabellenhälfte reichten. Der BVB stand schlichtweg am Abgrund seiner Existenz. In dieser Situation stand Bert van Marwijk seinen Spielern bei: „Ich bin für den Sport zuständig und halte mich aus derlei Dingen heraus. Meine Spieler müssen als Profis eigentlich Sport und andere Dingen trennen können. Aber das geht jetzt alles schon so lange. Ehrlich gesagt: Einfacher wird es für die Jungs nicht.“ Solche Kommentare machten deutlich, wie ernst es um den BVB stand. Die Fans registrierten, dass der Trainer erst gar nicht versuchte, von den eigentlichen Problemen abzulenken. Seine Ehrlichkeit kam bei den BVB-Anhängern gut an: „Endlich mal einer, der sagt, was Sache ist und nicht um den heißen Brei labert!“ Nach und nach gewann der Niederländer Sympathien bei den Fans. Auch die Mannschaft zahlte ihm das Vertrauen zurück, indem sie weiter kämpfte und nicht einbrach. Sie rang sich in der Rückrunde in die obere Tabellenhälfte zurück und belegte am Ende der innerbetrieblichen Chaossaison den siebten Tabellenplatz. Für BVB-Fans und Fußballexperten war klar, dass Bert van Marwijk großen Anteil an diesem kleinen Wunder hatte. Alle wussten, dass der BVB mit einem Trainer anderen Charakters angesichts der genannten Probleme höchstwahrscheinlich abgestiegen wäre. Der Dank der Fans war van Marwijk nach seiner ersten Saison gewiss.

Spiele mit jungen Talenten

Aufgrund der schwachen finanziellen Lage konnte sich Borussia Dortmund in der Folgezeit nicht erlauben, fertige, hochkarätige Spieler zu kaufen. So musste der Trainer mit jungen, talentierten Spielern arbeiten und das Beste aus ihnen herausholen. Dabei schenkte er ihnen viel Vertrauen, wie die Fans am Beispiel von Nuri Sahin sehen konnten. Am 6. August 2005 gab der damals 16 Jahre alte  Mittelfeldspieler gegen den VfL Wolfsburg sein Debüt in der Bundesliga und avancierte schnell zum Liebling der Fans. Dank Bert van Marwijk entwickelte sich Nuri zu einem Fußballer von Weltformat. Auch andere unerfahrene Spieler bestätigten ihr Talent in der Saison 2005/2006 mit herzerfrischendem Offensivfußball, den die Fans freudestrahlend annahmen. Rückblickend sagen heutzutage viele, dass unter Bert van Marwijk der Prozess angefangen hatte, den Jürgen Klopp ein paar Jahre später fortführen sollte: mit jungen Spielern erfolgreichen Fußball zu spielen. Am Ende der Saison erreichte der BVB wie ein Jahr davor den siebten Platz in der ersten Bundesliga. In den Augen der Fans konnte es mit dem BVB nur weiter aufwärts gehen, wenn ein Trainer es schafft, mit so vielen jungen Spielern angriffslustigen Fußball zu spielen. Die Erwartungshaltung wurde größer und somit auch der Druck auf das Team und seinen Trainer.

Die Erwartungen steigen

Dieser Druck war es, an dem Bert van Marwijk schließlich scheiterte. Die Mannschaft zeigte für ihre Verhältnisse in der Hinrunde der Saison 2006/2007 eine durchaus ansprechende Leistung. Aber der Wunsch, im internationalen Geschäft mitzumischen, war im Fanlager des BVB immens groß. Schließlich war der BVB erst vier Jahre zuvor Deutscher Meister geworden, die Insolvenz wurde abgewendet – da war vielen der neunte Platz nicht genug. Der Mannschaft wurde Instabilität vorgeworfen, weil van Marwijk häufig das Spielsystem von 4-4-2 auf 4-3-3 wechselte und er angeblich die Trainingseinheiten vernachlässigte. Im September 2006 sagte der Niederländer dazu: „In den letzten drei Wochen habe ich von 21 Tagen den Spielern nur einen Tag frei gegeben. Da ist es so lächerlich zu behaupten, das sei zu wenig!“ Auch den Spielsystemwechsel verteidigte er als sinnvolle Maßnahme, um der Mannschaft mehr spielerische Sicherheit zu geben. Heutzutage sind seine Worte nachvollziehbar, denn auch Jürgen Klopp verlangt von der Mannschaft, mehrere Spielsysteme zu spielen. Doch für die ehrlichen Worte des Niederländers und seine Auffassung vom Spielsystem gab es Ende 2006 in der Öffentlichkeit kaum Verständnis. Die folgenden Wochen wurden nicht ruhiger für ihn, sodass der Trainer und die Verantwortlichen des BVB Anfang Dezember 2006 entschieden, nach der Saison getrennte Wege zu gehen. Aber aufgrund des anhaltenden starken öffentlichen Drucks wurde bereits einige Tage später, am 18. Dezember 2006, die Beurlaubung des Niederländers bekannt gegeben. Das Argument, dass die Mannschaft unter van Marwijk in den Rückrunden immer besser aufgespielt und mehr Punkte als in den Hinrunden gesammelt hatte, zählte nicht. So endete die Amtszeit von Bert van Marwijk früher als geplant. Der Niederländer kehrte zu seinem alten Verein Feyenoord Rotterdam zurück, und sein Nachfolger beim BVB wurde Jürgen Röber.

Dennoch beim BVB beliebt

In seinen zweieinhalb Jahren beim BVB errang die Borussia keinen Titel, sondern nur zweimal den siebten Tabellenplatz. Dennoch ist er einer der anerkanntesten Trainer in der BVB-Fangemeinde, wie das Online-Fußballmagazin „Fussball Pur“ im Juli 2013 feststellte. Bert van Marwijk landete bei der Umfrage auf Platz 4 der beliebtesten BVB-Trainer der vergangenen 20 Jahre. Seine Auffassung, mit jungen Spielern guten Offensivfußball zu spielen, so wie wir es in den vergangenen Jahren auch unter Jürgen Klopp sehen konnten, ist den meisten BVB-Fans noch heute gut im Gedächtnis. Dank seiner Hilfe stieg die Borussia in der schwierigen Zeit der Saison 2004/2005 nicht ab. Auch seine souveräne, ehrliche und humorvolle Persönlichkeit ist vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bert van Marwijk ist jemand, der den Leuten immer offen und ehrlich sagt, was Sache ist. Aus diesen Gründen ist er bis heute bei den BVB-Fans beliebt. So manch ein Borusse hätte ihn gerne am 22. Spieltag auf der HSV-Trainerbank wiedergesehen, da er beim Hinspiel noch gar nicht Trainer der Hamburger gewesen ist. Doch erneut war der öffentliche Druck auf van Marwijk enorm hoch, sodass er am Samstag die Kündigung erhielt. Seinem Nachfolger beim HSV wird von den Borussen am 22. Februar bestimmt nicht so viele Sympathien entgegengebracht werden und auch unsere Mannschaft wird um die drei Punkte kämpfen, um auf Platz zwei zurückzukommen. So bleibt nichts anderes übrig als Bert van Marwijk viel Glück zu wünschen, wo immer es ihn auch hinzieht. Vielleicht sieht man sich im internationalen Geschäft mal wieder.

Holger Knobloch

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