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Zwischen Kritik und Ehrlichkeit

Zwischen Kritik und Ehrlichkeit

Oft sprechen Fans und Politik nur übereinander. Häufig hagelt es Kritik und Vorwürfe von allen Seiten, aber niemand fühlt sich so recht verantwortlich. Bis bekannte Probleme aus der Welt geschafft werden, treten meist neue Spannungen auf. Ähnlich stehen Fans der Polizei gegenüber. Sie fühlen sich regelmäßig in ihren Rechten eingeschränkt und ungerecht behandelt. Sie kritisieren das unverhältnismäßige Vorgehen der Beamten. Auf der anderen Seite klagt die Polizei über massives Fehlverhalten der aktiven Fanszene.

Klar ist: Der einzelne Polizeibeamte ist oft nur ein schwaches Glied in der Kette, die ihrer Arbeit nachgeht. Klar ist aber auch: Für viele Fans ist das Handeln der Exekutive oft wenig transparent – und dementsprechend auch schwer nachvollziehbar. Was bleibt, ist ein von Misstrauen geprägtes Spannungsverhältnis in vielen Städten, allen voran in Dortmund. Alle Beteiligten sind sich einig: Man kann die Situation nur verbessern, wenn man miteinander spricht.

Aus diesem Grund lud die AG Fanpolitik der BVB-Fanabteilung zu einer Podiumsdiskussion im Kinosaal im altehrwürdigen Dortmunder U-Turm. Die NRW-Landtagsabgeordneten Josefine Paul (B90/Die Grünen), Werner Lohn (CDU) und Markus Weske (SPD) diskutierten mit Moderator Gregor Schnittker über Rechte und Pflichten von Fußballfans und Polizei. Komplettiert wurde die Runde von Tobias Westerfellhaus, Vorstandsmitglied der BVB Fan- und Förderabteilung, Jan-Henrik Gruszecki aus der aktiven Fanszene und dem in Dortmund bekannten und geschätzten Rechtsanwalt Stefan Witte.

20161116_Podiumsdiskussion_FF_0756-minDie Bilder von der DFB-Pokalpartie gegen Union Berlin sind vielen Dortmunder Fans noch präsent. Die Polizei hatte ein massives Aufgebot aufgefahren und unter anderem mit einem Wasserwerfer und einem alles andere als kooperativen Verhalten für Stirnrunzeln gesorgt. Schließlich sind Union Berlin und der BVB nicht für gegenseitige Abneigung bekannt. Im Anschluss hatte die Polizei für ihr Konzept massive Kritik einstecken müssen. Dass besonders dieser Abend auf dem Podium noch einmal thematisiert werden musste, war fast zwangsläufig zu erwarten.

Es ist eine Grundsatzdiskussion, die viele Fans in diesen Tagen bewegt. Was hatte die Polizei mit einem so großen Aufgebot an diesem Abend bezwecken wollen? „Es ist sehr komisch, dass die Bewertung von Risikospielen oft fehlerhaft erscheint“, sagte Rechtsanwalt Stefan Witte. „Ich halte es für problematisch, dass sich die Polizei in dieser Hinsicht häufig auf interne Dateien verlässt.“ Man müsse sich häufiger in die Rolle des Gegenübers versetzen, plädierte Werner Lohn. Er muss es wissen: Der CDU-Abgeordnete war vor seiner Zeit in der Politik als Polizist tätig. Spannend erscheint bei diesem Themenkomplex besonders die Tatsache, dass viele Polizisten eine große Zahl an Überstunden aufweisen und das auch regelmäßig thematisieren – denn als Fan hat man oft das Gefühl, es würde im Stadionumfeld auch weniger Polizeipräsenz ausreichen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund forderten weite Teile der Politik zuletzt öffentlichkeitswirksam eine massive Aufstockung des Personals. Markus Weske führte in diesem Kontext einen weiteren interessanten Aspekt an. „Die Polizei braucht nicht mehr Personal, um bei Fußballspielen für die öffentliche Sicherheit zu sorgen“, so der SPD-Politiker. „Vielmehr geht es darum, die Ereignisse intensiver aufarbeiten zu können.“Die Polizei, sagte Weske, würde intern viel ehrlicher miteinander umgehen und vermehrt Fehler ansprechen, wenn sie die nötige Zeit hätte – stattdessen jedoch eilten die Beamten oft von Einsatz zu Einsatz.

20161116_Podiumsdiskussion_FF_0756-minDie vermeintlich schlechte Fehlerkultur der Beamten ist einer der Hauptkritikpunkte, die Fans in Debatten immer wieder ansprechen. Werner Lohn sagte: „Die Kritik ist oft berechtigt. Das führt dazu, dass die Fronten verhärtet werden und das Verständnis schwindet.“ Josefine Paul vom Bündnis 90/Die Grünen ergänzte: „Es geht schlichtweg darum, dass Fehler in der polizeilichen Führung überhaupt angesprochen und akzeptiert werden.“ Das, so Paul, sei für sie oft nicht erkennbar. Ob auch die Fans mehr Einsicht zeigen müssten? Auch da ist mit Sicherheit etwas Wahres dran. Jan-Henrik Gruszecki monierte jedoch: „Wir reden intern sehr viel darüber. Doch unsere Fehlerkultur wird uns von ganz oben mit der Keule aufgezwungen – in Form einer Anzeige oder eines Stadionverbots.“

Intensiv diskutiert wurde auch über Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte. Diese Forderung wurde schließlich im Koalitionsvertrag des Landes Nordrhein-Westfalen verankert, bislang aber noch nicht umgesetzt. Vielen Fans liegt die Kennzeichnungspflicht sehr am Herzen – einerseits, um mit der Polizei auf Augenhöhe diskutieren zu können, andererseits, um bei Problemen über Verantwortlichkeiten informiert zu sein. Noch seien die Positionen zu verschieden, hieß es. „Dieser Punkt wird aber noch umgesetzt“, versicherte Markus Weske. Werner Lohn sprach sich dagegen aus. „Faktisch werden dadurch keine Probleme gelöst“, so Lohn. Man könne schließlich auch eine Anzeige gegen Unbekannt erstatten. Ein Raunen ging durchs Publikum. Stellvertretend für die Fans berichtete Jan-Henrik Gruszecki von seinen Erfahrungen – die eher genau das Gegenteil beschrieben. Die Zustimmung im Publikum zeigte, dass das offenbar viele Fans so sehen. Ein Indikator dafür, wie sensibel auf dieses Thema reagiert wird.

20161116_Podiumsdiskussion_FF_0744-minErstaunlich verhalten agierten die Vertreter der Politik, als es darum ging, dass der Verein neuerdings vom DFB auferlegte Strafen auf Fans umwälzen kann. Vonseiten der Fanszene jedoch kamen in diesem Kontext klare Worte. „Auch hier ist Transparenz ein wichtiger Punkt“, sagte FA-Vorstandsmitglied Tobias Westerfellhaus. „Wie begründet man im konkreten Einzelfall die Höhe der Strafe?“ So gesehen ist das Zünden von Pyrotechnik beim fünften Mal teurer als bei der „Premiere“. „Mir persönlich fehlt jegliches Verständnis“, sagte Gruszecki kurz und knapp.

Einig waren sich letztlich alle Gäste auf dem Podium: Die Polizei müsse in vielen Situationen ihr Handeln transparenter gestaltet und sich den Fans öffnen – etwa, wenn dem gegnerischen Anhang der Weg vom Bahnhof in die Innenstadt verwehrt wird. „Das ist im Sinne beider Seiten“, resümierte Josefine Paul. Aller Voraussicht nach ein erster Schritt in die richtige Richtung.

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