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15. Juli 1945: BVB rettet Selbstständigkeit: Willi Bietzek und Franz Jacobi bilden kommissarischen Vorstand

15. Juli 1945: BVB rettet Selbstständigkeit: Willi Bietzek und Franz Jacobi bilden kommissarischen Vorstand

Der 15. Juli 1945 war ein überaus wichtiger Tag nicht nur für den BVB, sondern für den gesamten Dortmunder Sport: Die britische Militärkommandantur und ihr Sportbeauftragter Fritz Kauermann  hatten nach wochenlangem Tauziehen entschieden, nicht weiter an einer Fusion der „Schwarz-Gelben vom Borsigplatz“  mit dem FS 98 und der Werksportgruppe Hoesch mit Namen „Freie Sportgemeinschaft Borussia von 1898“ festzuhalten, sondern dem BVB nach der verordneten (kurzen) Zwangspause die sportliche und vereinsrechtliche Selbstständigkeit wierderzugeben.

Damit war das wichtigste vereinsinterne Ziel der unmittelbaren Nachkriegszeit erreicht, denn durch den Zusammenschluss wäre die stolze „Borussia-Identität“ futsch gewesen; und das galt es mit allen Mitteln zu verhindern.

Die Briten machten weiter Nägel mit Köpfen und setzten an besagtem 15. Juli Willi Bietzek als kommissarischen Vorsitzenden/Schriftführer und als Stellvertreter/Kassierer den erprobten Haudegen Franz Jacobi ein. Kommissarisch hieß: Die Besatzungsmächte behielten sich Kontroll- und Prüfrechte bei allen Entscheidungen rund um den Verein vor und hätten darüber hinaus auch das Führungspersonal jederzeit austauschen können. Unter Berücksichtigung dieser Rahmenbedingungen war es außerordentlich mutig, die genannten Funktionen überhaupt zu übernehmen.

Während Franz Jacobi eine Vereinslegende wurde und bereits zu Filmehren gekommen ist, liegt die Person Willi Bietzek etwas im Verborgenen der BVB-Historie.

BVB 1939 Handball,
links Obmann Willi Bietzek

Wilhelm „Willi“ Bietzek wurde am 6. Oktober 1910 geboren und stieß 1933 zum Verein. Sein Augenmerk galt den Handballern, als deren Obmann er sich bevorzugt engagierte. Als sprichwörtlich wird sein Organisationstalent überliefert, ebenso sein Fleiß. 

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes und der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8.5.1945 gehörte er zu jenen Borussen, die von der Stunde Null an bemüht waren, seinen Club wieder auf die Beine zu stellen. Gemeinsam mit Egon Pentrup, Fritz Weller und Franz Jacobi bildete er die Crew der Unterhändler, die für die Eigenständigkeit „ihres“ BVB fochten. Mit Erfolg!

Dass die von Kauermann beratenen Engländer Willi Bietzek am 15. Juli 1945 zum kommissarischen Vereins-Vorsitzenden bestimmten ist zumindest ein Indiz dafür, dass sich dieser aus der Sicht der Siegermächte nicht durch eine zu große Nähe zu den Nazis zwischen 1933 und 1945 für ein solches Amt disqualifiziert hatte.

In den BVB-Vereinsnachrichten vom Oktober 1960 wird anlässlich seines 50. Geburtstags ausgeführt: „Er stand viele Jahre in vorderster Linie der Männer, die mit Erfolg die Geschicke unseres Vereins leiteten. Keine Arbeit war ihm zu viel, kein Weg war ihm zu weit, wenn es um den Fortschritt des BVB Borussia 09 ging. Seine Zuverlässigkeit, seine offene und kameradschaftliche Art haben ihm in Vereins- und Verbandskreisen großes Ansehen verschafft. Der Wirkungskreis unseres Willi Bietzek war so groß, dass man vielerorts von einer Überbeanspruchung seiner Person sprach!“

Er hat sich also für den BVB voll eingebracht und nicht geschont, der Willi Bietzek. Und er war am 12. Juni 1946 auch bereit, gegen einen so mächtigen Mann wie Fritz Kauermann in der Wahl um den Vorsitz des neugegründeten Kreissportbundes anzutreten. Letztlich gewann Kauermann das Rennen in geheimer Abstimmung mit 89 gegen 59 Stimmen, Bietzek seinerseits hatte sich aber gut verkauft und dokumentiert, dass es durchaus respektable Konkurrenten für den „großen Fritz“  innerhalb des neuen Verbandes gab.

Die Zeit von Willi Bietzek als kommissarischer BVB-Vorsitzender lief mit der Hauptversammlung am 26. Mai 1946 ab, in der Rudi Lückert zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Egon Pentrup und Willi Bietzek wurden seine Stellvertreter. Damit blieben zwei umtriebige „Retter der ersten Stunde“ nach dem Zusammenbruch – Pentrup und Bietzek – ihrem BVB auch weiterhin in wichtigen Vorstandspositionen verbunden.

Wirtschaftlich stand Willi Bietzek als langjähriger Inhaber einer offiziellen „Westdeutschen Fußball-Toto-Wettannahmestelle,“ angesiedelt in der Oesterholzstraße 33 am geliebten Borsigplatz, auf einem soliden und tragfähigen Fundament.

Es bleibt festzustellen: Willi Bietzek hat sich verdient gemacht um Borussia Dortmund und es deshalb mehr als verdient, aus seinem geschichtlichen Dornröschenschlaf geweckt und einmal in den Blickpunkt des Interesses gestellt zu werden. 

 

Text: Gerd Kolbe

An dieser Stelle erscheinen an verschiedenen Jahrestagen von schwarzgelben Ereignissen kurze Geschichten oder Anekdoten, die in Zusammenarbeit mit der AG Tradition, der BVB Fan- und Förderabteilung und dem BORUSSEUM veröffentlicht werden.