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Vor 70 Jahren von den Nazis ermordet: Heinrich Czerkus und Franz Hippler

70 Jahre ist es her, seit die Dortmunder Widerstandskämpfer Heinrich Czerkus und Franz Hippler im Rombergpark von den Nazis ermordet wurden. Zeitlebens waren sie Mitglieder der BVB-Familie, weshalb wir heute an sie erinnern und ihrer gedenken wollen.

Als Hitler am 30. Januar 1933 die Macht übernahm, wurde auch der Sport im Sinne seiner Ideologie deformiert und vergewaltigt. Zunächst stellte er sich als Sportförderer dar. Das war jedoch Fassade und Mittel zum Zweck. Nach Hitlers Zielen war der Sport in erster Linie zur Hebung der „rassischen Qualität der Arier“ und zur „Stärkung der Volksgesundheit“ einzusetzen. Er hatte der Machtsicherung und der körperlichen Vorbereitung zahlloser junger Menschen auf den Krieg zu dienen. Die Propaganda setzte sportliche Erfolge als angebliche Beweise für die naturgegebene Überlegenheit der arischen Rasse ein. Das Führerprinzip wurde den Verbänden und Vereinen in nationalsozialistischen Einheitssatzungen aufgezwungen, ein Dietwart zur Pflege des Deutschtums eingesetzt. In Wahrheit war dieser aber ein gefährlicher Gesinnungsschnüffler.

Bildschirmfoto 2015-04-20 um 13.46.14Sportverbände wie der Deutsche Fußballbund und der Deutsche Turnerbund wurden „gleichgeschaltet“, die Arbeiterturn- und Sportorganisationen ebenso verboten wie die konfessionellen „Deutsche Jugendkraft“ und „Eichenkreuz“. Nach den Olympischen Spielen 1936 kam auch das Ende für den jüdischen Sport. Die Nachwuchsabteilungen der Vereine wurden der Hitlerjugend zugeordnet. Damit war jüdischen Jugendlichen jeglicher Vereinssport unmöglich geworden. Diese Rahmenbedingungen galten auch für den BVB.

Borussia stammte aus dem „roten“ Dortmunder Norden. Überwiegend gehörte man zur Arbeiterschaft. Dort war man traditionell kommunistisch, sozialistisch und sozialdemokratisch. Auch im BVB übernahmen die Nazis ab 1933 die wichtigsten Vereinsfunktionen. Man fühlte sich jedoch weiterhin als solidarische „BVB-Familie“. Gemeint ist damit eine Haltung, die die „linken“ Vereinsmitglieder abschirmte und vor politischer Verfolgung schützte.

Durch die erzwungene Wegnahme des Borussia-Sportplatzes an der Wambeler Straße vertiefte sich die Abneigung den Nazis gegenüber. Rückblickend war der BVB aber kein Verein im Widerstand. Man arrangierte sich mit den Machthabern, wo es erforderlich schien. Wo es möglich war, zeigte man sich widerborstig und unangepasst. Die Haltung des BVB den Nazis gegenüber ähnelte also dem römischen Januskopf. Von der einen Seite lächelte man ihnen zu, von der anderen zeigte man ihnen eine Fratze.

Innerhalb des BVB gab es mit Heinrich Czerkus, Franz Hippler und Fritz Weller. Drei Widerstandskämpfer, von denen Czerkus und Hippler gemeinsam mit etwa 300 weiteren Gegnern der Nazis und Zwangsarbeitern kurz vor Ostern 1945, also genau vor 70 Jahren, bestialisch ermordet wurde. An sie wollen wir heute erinnern und ihrer gedenken!

 

Heinrich Czerkus

Heinrich Czerkus wurde am 27. Oktober 1894 in Ostpreußen geboren und war zeitlebens ein überzeugter Kommunist. Im Juli 1920 kam Czerkus gemeinsam mit seinem Bruder und einem weiteren Genossen nach Dortmund. Bis zu seinem Tod im Frühjahr 1945 wohnte er in der Schlosserstraße 42 am Borsigplatz. Dort befindet sich heute ein „Stolperstein“, der an ihn erinnert.

Bildschirmfoto 2015-04-20 um 13.45.49Kurz nach seiner Ankunft in Dortmund trat er dem BVB und der KPD bei. Zunächst war er Kassierer der KPD am Borsigplatz und fand bei Hoesch Arbeit als Schlosser. Ab 1924 leitete Czerkus die neue Frauengruppe der KPD in Dortmund, verlor 1925 seinen Arbeitsplatz und übernahm eine führende Rolle im „Erwerbslosenausschuss“ von Dortmund“. Nach dem Ausbau der „Weißen Wiese“ zum „Borussia – Sportplatz“ wurde er von 1924 bis 1938 Platzwart auf dem Borussia – Sportplatz, bis die Nazis dem BVB die Sportanlage und Czerkus die berufliche Existenz wegnahmen.

1930 gründete sich in Dortmund ein kommunistischer Kampfbund gegen den Faschismus, dem der überzeugte Linke beitrat. Als Hitler die Macht übernahm, wurde für die Kommunisten die Luft immer dünner. 1933 wurde Czerkus über die „Kampfgemeinschaft der Arbeiter und Bauern“ in den Rat der Stadt gewählt, aber nach dem Ermächtigungsgesetz wenige Wochen später gemeinsam mit 14 weiteren kommunistischen Abgeordneten auf Anweisung Görings noch vor der ersten Ratssitzung widerrechtlich ausgeschlossen.

Heinrich Czerkus ging in den Widerstand. Vorsichtig kombinierte er seine Tätigkeit als Platzwart mit den politischen Aktivitäten. Dabei half es ihm, dass die BVB-Familie immer zu ihm hielt, völlig unabhängig von seiner politischen Weltanschauung. Aus guten Gründen hielt er sich mehr im Umkleidegebäude des Borussia-Sportplatzes auf als in seiner Wohnung. Dort konnte er nämlich rechtzeitig gewarnt werden, wenn ihn die Gestapo wieder einmal suchte und verhaften wollte.

Ende 1944 überließ BVB-Vereinsführer August Busse Czerkus die kleine Druckanlage in der Geschäftsstelle Oesterholzstraße 60, auf der dieser dann die Handzettel und Plakate für seine Widerstandsgruppe drucken konnte. Im Frühjahr 1945 halfen weder Vorsicht noch BVB-Warnsystem. Heinrich Czerkus wurde verhaftet, in die Steinwache gebracht und kam später in die Gestapo-Zentrale in Hörde. Welch schreckliche Wirkung die Folter auf Menschen hat, erlebte er täglich am eigenen Leibe. Man wollte auch aus ihm herausprügeln, auf welcher Vervielfältigungs-Anlage seine Materialien gedruckt hatten. Czerkus schwieg. Auch Franz Hippler, den er für den Widerstand angeworben hatte, versuchte er zu schützen.

Anfang März wurden Czerkus und andere Häftlinge auf der Benninghofer Straße aneinander gekettet. Dann transportierte man sie wie Vieh in den Rombergpark. Dort warteten die Todeskommandos, die unsagbar brutal vorgingen. Die Todeskandidaten mussten sich nebeneinander aufstellen. Einer nach dem anderen sank tot in die Bombentrichter, die ihre Massengräber wurden. Als Todestag für Heinrich Czerkus wurde der 15. April 1945 festgelegt.

 

Franz Hippler

Franz Hippler wurde am 14. April 1895 in Ostpreußen geboren. Seine Eltern zogen mit ihm und seinen Geschwistern nach Dortmund, als er gerade einmal drei Jahre alt war. Die Familie war katholisch und gehörte zur Dreifaltigkeitskirche. Mit 14 kam Hippler in die Lehre – 60 Stunden Arbeit wöchentlich waren von da an normal.

Im 1. Weltkrieg war er Mitglied eines Freicorps. Danach hieß es für ihn nur noch: „Nie wieder Krieg!“ 1921 stieß Hippler zur KPD, in der es heftige Richtungskämpfe gab. Er mischte sich kräftig ein, wurde ausgeschlossen, später wieder aufgenommen. Nach seiner Heirat gründete er eine Familie und zog zum „roten“ Borsigplatz. Beim BVB war er von 1922 – 1924 fast täglich beim Ausbau der „Weißen Wiese“ aktiv, besuchte fast alle Heim- und Auswärtsspiele und nahm rege am Vereinsleben teil. Die Zeiten waren hart, die Arbeitslosigkeit ein ständiger Begleiter.

Bildschirmfoto 2015-04-20 um 13.46.00Dazu verfolgte ihn die Gestapo zwischen 1933 und 1945 praktisch ununterbrochen. Der erste Zugriff erfolgte Anfang März 1933. Er lernte die Steinwache kennen und fürchten. Im dortigen Haftbuch hieß es: „Politisch verhaftet auf Anordnung des Hohen Ministers des Innern“. Gemeint war Göring. Als in der Nacht zum 2. August 1933 ein SA-Scharführer in der Flurstraße überfallen und verletzt wurde, nahm die Gestapo als Vergeltung vier kommunistische Geiseln, zu denen auch Hippler gehörte. Sein Vergehen: Er wohnte in der Nähe des Tatorts.

Wieder auf freiem Fuß ging Hippler in den Widerstand. Heinrich Czerkus warb ihn an. 1935 schlug die Gestapo erneut zu. Wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat kam er in mehrere Gefängnisse und war ein Jahr Moorsoldat im Arbeitslager Stapelmoor. Nach seiner Entlassung 1939 kam es noch viel schlimmer: Für drei Jahre und acht Monate musste Franz Hippler ins KZ Buchenwald. Im April 1943 wurde er nach schrecklichen Folterungen „probeweise“ entlassen.

Probeweise hieß: Er musste einen festen Wohnsitz nachweisen, sonst drohte wieder das KZ. Die Wambeler Straße 11, in der er wohnte, wurde Ende Mai 1944 von Bomben zerstört. Das hieß: Kein fester Wohnsitz mehr. Da half ihm der Borusse und SA-Mann Willi Röhr, überließ ihm in der Wambeler Straße 3 eine Wohnung und bewahrte ihn damit vor einem weiteren KZ-Aufenthalt. Anfang 1945 schlug das Schicksal jedoch erneut in aller Brutalität zu: Am 19. Februar wurde Hippler wieder verhaftet, in die Steinwache und später in die Gestapo-Zentrale DO-Hörde verbracht und wenige Wochen später ermordet. Seine Leiche fand man am 20. April 1945 im Rombergpark.

 

Wir Borussen werden Heinrich Czerkus und Franz Hippler nie vergessen. Sie waren, sind und bleiben Teil unserer BVB-Familie und prägen durch ihr Vorbild unsere Haltung gegen Neo-Nazis und gegen jede Form des Rassismus!

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