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„Unser Schicksal ist eure Mahnung“ – Bleibende Eindrücke der Spurensuche in Lublin

„Unser Schicksal ist eure Mahnung“ – Bleibende Eindrücke der Spurensuche in Lublin

Die Reise nach Lublin liegt bereits einige Tage zurück, der Alltag hat mich wieder. Doch trotzdem bin ich noch immer tief beeindruckt von den vielen Eindrücken in Ostpolen.

IMG_8941In den sieben Tagen unserer Spurensuche erfuhren wir viel über das jüdische Leben in Lublin, das mit dem Holocaust ausgelöscht wurde. Die Jüdinnen und Juden lebten in einem Viertel, das schon immer außerhalb des Stadtkerns lag und nur durch ein Tor mit diesem verbunden war. Heute erinnert kaum noch etwas an die jüdische Geschichte in der 300.000-Einwohner-Stadt, in der wir die Woche verbringen.

Dort, wo sich einst der jüdische Marktplatz und damit auch das Zentrum des Ghettos befand, wurde ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des Holocausts aus Lublin aufgestellt. Vor zehn Jahren wurde das Grundstück verkauft, ein Einkaufszentrum sollte dort gebaut werden. Das Mahnmal musste weichen und wurde eher unscheinbar in einer Seitenstraße außerhalb des ehemaligen Ghettos wieder aufgestellt. Doch das Einkaufszentrum wurde noch immer nicht errichtet.

Einige Straßen weiter befindet sich das ehemalige deutsche Viertel. Die deutschen Täter hatten sich als Residenz einen Stadtteil ausgesucht, der auch heute noch als eines der schönsten Quartiere der Stadt gilt. Wir standen vor Verwaltungsgebäuden, im Vergnügungsviertel mit einer Kegelbahn und vor der nahezu im Originalzustand belassenen Villa des SS- und Polizeiführers im Distrikt Lublin, Odilo Globocnik. Akten Globocniks zeigten uns seine pure Gleichgültigkeit gegenüber der genommenen Würde der Opfer: In den Dokumenten werden Opferzahlen und die ihnen gestohlene Wertgegenstände bürokratisch nüchtern aufgelistet.

Im Mittelpunkt unserer Reise stand die Suche nach den Spuren des Deportationszugs, der am 30. April 1942 in Dortmund losfuhr. Dieser brachte etwa 800 Jüdinnen und Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, im Glauben umgesiedelt zu werden, in den Tod.

IMG_8223In der Stadt Zamosc standen wir an der Rampe, an dem der Zug aus Dortmund nach drei Tagen sein Ziel erreichte. Nach der Ankunft in Zamosc im Mai 1942 schrieb die 26-jährige Ruth Bauernschmitt einen Brief an ihre Verwandten zu Hause. Die grausamen Zustände im Ghetto werden nicht beschrieben. Es bleibt zu vermuten, dass sie die Zensur der Nationalsozialisten fürchtete. Deutlich wird jedoch, dass den Deportierten ihre Habseligkeiten genommen wurden. Dass Ruth Bauernschmitt sowie einige andere Opfer des Holocausts die Möglichkeit hatten, Nachrichten nach Hause zu schicken, gehörte zur Strategie der Nationalsozialisten. Sie wollten die Menschen in Westeuropa glauben lassen, dass die Deportierten in Polen ein Arbeitseinsatz und damit ein gefahrloses Weiterleben erwarten würde. Der Brief der Dortmunderin ist ihr letztes Lebenszeichen.

Nach ihrer Ankunft in Zamosc mussten die Menschen etwa zwei Wochen, einige etwas länger, im Ghetto der Stadt leben und arbeiten. Anschließend wurden sie in die Vernichtungslager in Sobibor und Belzec deportiert. Wer dort ankam, überlebte keine weiteren zwei Stunden. Niemand kehrte nach Dortmund zurück.

Die beiden Vernichtungslager wurden von den Nationalsozialisten vor dem Verlassen vollständig zerstört. Doch auch ohne Originalgebäude sind die Gelände der ehemaligen Lager zu Orten der Erinnerung geworden. Jede einzelne der drei Gedenkstätten der ehemaligen Lager – neben den Vernichtungslagern in Belzec und Sobibor besichtigen wir auch das Konzentrationslager in Majdanek – erinnert auf eine andere Art an die Verbrechen, die an dem jeweiligen Ort während der Shoah begangen wurden. Jede berührte mich auf ihre eigene Weise.

Auf dem Gelände des Vernichtungslagers in Belzec wurde vor zehn Jahren ein modernes, künstlerisch abstraktes Denkmal errichtet. Unser Rundgang über das Gelände begann dort, wo auch die ermordeten Jüdinnen und Juden mit dem Deportationszug ankamen: IMG_7862an der ehemaligen Rampe. In nur zwei Stunden wurden den Opfern ihre komplette Kleidung und ihr Gepäck weggenommen, die Haare abrasiert, ihr Weg führte unumgänglich in die Vergasung. Immer wieder der gleiche Vorgang, bis 500.000 Opfer ermordet waren. Der Weg der Opfer ist im Denkmal nachempfunden. Die Massengräber sind mit Schlacke bedeckt, hindurch führt ein Weg, dessen Schlucht immer höher, immer dunkler wird. Am Ende des Weges standen wir an der Stelle, an der sich einst die Gaskammern befanden. Stufen, mit den Namen der Städte, aus denen Deportationszüge nach Ostpolen fuhren und dessen Insassen in Belzec ihr Leben lassen mussten, säumen die Begrenzung der Massengräber. Neben dem Schriftzug „Dortmund“ legten wir Blumen nieder und hielten für einen Moment inne. Hier enden die Spuren vieler aus Dortmund deportierter Jüdinnen und Juden.

IMG_4168 5Die Gedenkstätte des Vernichtungslagers in Sobibor befindet sich abgelegen in einem riesigen Waldgebiet. Auf den ersten Blick erinnern nur eine Gedenktafel und ein kleines Museum an das Vernichtungslager und die 180.000 Menschen, die hier ermordet wurden. Als wir den Wald dort betraten, wo 71 Jahre zuvor grausamer Massenmord begangen wurde, wirkte das Gelände wie ein Friedhof. Der Weg, den die Opfer von der Rampe zu den Gaskammern gehen mussten, ist heute eine Gedenkallee. Die Steine mit den Namen einzelner Ermordeter, die links und rechts auf dem Weg liegen erinnern an Grabsteine. Einige Steine tragen die Inschrift „For the Unknown“, denn auch 70 Jahre nach der Schließung des Lagers sind die meisten Opfer noch immer unbekannt.

Die Gedenkstätte des Konzentrationslagers in Majdanek, kurz vor Lublin, ist nicht zu übersehen. 2Schon von der Hauptstraße, die dorthin führt, springt einem das bombastische Mahnmal, das sich an der Stelle befindet, wo einst das Lagertor war, ins Auge. Als ich auf dem Bauwerk stand, konnte ich durch eine Öffnung in dem Monument die überwältigende Größe des Geländes überblicken. Während unserer Führung erklärte uns der Guide an einem Modell, dass die Größe der heutigen Gedenkstätte nur etwa einem Drittel des ehemaligen Lagers entspricht. Einige Baracken, sowie die Gaskammern und das Krematorium sind noch erhalten oder nachgebaut. Die Gedenkstätte wirkt wie ein Museum. Wir gingen durch die Duschräume, sahen in die Gaskammern, warfen einen Blick in die Häftlingsbaracken. Beim Gang durch das Krematorium wurde deutlich, dass die Ermordeten nicht nur vor ihrem Tod ausgebeutet und menschenunwürdig behandelt wurden: Auf einer Art OP-Tisch wurden den Opfern vor ihrer Verbrennung die Goldzähne rausgebrochen.

Am Ende unserer Führung über das ehemalige Konzentrationslager standen wir am zweiten Teil des Mahnmals, das man bereits erblickt, wenn man gerade durch die Öffnung des ersten schaut. Der zweite Teil symbolisiert eine überdimensionierte Urne, in der die Asche der verbrannten Opfer aufgeschüttet ist. Auf dem Mahnmal ist das Zitat eines Überlebenden eingemeißelt: „Unser Schicksal ist eure Mahnung“. Die Inschrift ist für uns ein Aufruf. Ein Aufruf sich gegen Rassismus einzusetzen, denn die Verbrechen der NS-Diktatur gehen nicht nur auf die Täter zurück, sondern auch auf die Gleichgültigkeit vieler anderer. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Ähnliches wiederholt.

Immer wieder legten wir Zwischenstopps an unscheinbaren Orten ein, die für die jüdische Geschichte in Ostpolen und dessen Vernichtung durch die Shoah doch so bedeutsam sind.
Im Dorf Izbica gelangt man nur über den Hof des Hauses einer Familie und anschließend einem Trampelpfad auf den abgelegen im Wald zu findenden jüdischen Friedhof. Dieser ist größtenteils zugewuchert, Grabsteine erinnern an die Toten. Geht man weiter in den Wald hinein, gelangt man zu einem Massengrab.

Als wir im kleinen Örtchen Wlodawa am Sportplatz hielten, schlug erst einmal das Groundhopping-Herz in mir höher. Dass der kurze Aufenthalt dort jedoch nichts mit der Fußballleidenschaft der Gruppe zu tun hatte, wurde einen Moment später klar, als unser Guide Andreas erklärte, dass auf dem Sportplatz – genauso wie in Dortmund am Eintracht-Sportplatz – die Jüdinnen und Juden vor ihrer Deportation dort gesammelt wurden.

Die Eindrücke der Fahrt nach Lublin wirken noch immer nach, und werden das auch noch eine Weile tun. All die Erlebnisse in Lublin, Zamosc, Sobibor, Belzec, Majdanek, Izbica und Wlodawa und das Kennenlernen vieler gleichgesinnter BVB-Fans haben mich ermutigt, mich weiter gegen Ausgrenzung und Rassismus einzusetzen. Ich wünsche mir, dass noch viele BVB-Fans die Möglichkeit haben, an solchen Fahrten teilzunehmen und ähnliche Erfahrungen zu machen. Es gibt noch viel zu tun.

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