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Thessaloniki – Eine Stadt der Extreme

Thessaloniki – Eine Stadt der Extreme

Thessaloniki, Baku und Krasnodar hat uns das Europa-League-Los in dieser Saison beschert. Nicht gerade typische Reiseziele, weshalb es sich lohnt, vorab einen genaueren Blick auf die drei Städte zu werfen. Den Anfang macht Thessaloniki.

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Thomas Meinert / pixelio.de

„Thessaloniki, du bist eine Stadt wie sie keine andere ist. Mit deiner Schönheit und deinen eigenen Leiden“, heißt es in einem bekannten Lied des bekannten griechischen Sängers Dimitrios Mitropanos – einer Lobeshymne über die ebenso bekannte Industrie- und Hafenstadt im Norden Griechenlands. Und der inzwischen verstorbene Mitropanos hat durchaus Recht: Thessaloniki beeindruckt durch wunderschöne Ecken, ist gleichzeitig jedoch auch ein sozialer Brennpunkt der Republik. Eine Stadt der Extreme mit einem ganz eigenen Flair.

Athen ist weltbekannt. Erst recht seit der Finanzkrise blickt die ganze Welt öfters gespannt in die griechische Hauptstadt, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Die etwa 550 Kilometer nördlich gelegene Stadt Thessaloniki wird dabei fast vergessen und leidet darunter, dass Griechenland oft nur auf Athen und seine Urlaubsinseln reduziert wird. Doch Fluch und Segen liegen in diesem Fall nah beieinander: Denn Thessaloniki, Zentrum der Makedonia-Region, kann sich gänzlich ohne politischen Druck Schritt für Schritt entwickeln.

Wirklich weit ist es aber nicht bis zum Meer, genauer gesagt zum Thermaischen Golf. Die Halbinsel Chalkidiki liegt unweit von Thessaloniki, der Flughafen, der traditionsbewusst „Makedonia“ heißt, liegt genau zwischen Stadtzentrum und der direkten Verbindung zum Meer. Doch weit gefehlt: Es gibt mehr zu sehen als Sonne, Strand und Meer. Gleichwohl muss man dazu sagen: Eine nette Ergänzung ist es trotzdem.

IMG-20150929-WA0008Um das Standing von Thessaloniki neben Athen als wichtiges Handelszentrum zu erhalten und zu verbessern, pumpte die griechische Regierung im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Milliardensummen in den Infrastrukturausbau der Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern. Seit Ausbruch der Rezession halten sich die Investitionen in Grenzen, wie sich fast von selbst versteht. Autobahnen wurden begonnen und bis heute nicht fertiggestellt. Modernisierungen von Krankenhäusern vorangetrieben, aber nie beendet. Pläne für eine U-Bahn überarbeitet, aber nie in die Tat umgesetzt. Der Bau einer Untergrund-Verbindung ist allgemein ein Aspekt, den die Bürger von Thessaloniki immer wieder gern aufgreifen – inzwischen überwiegt die Ironie. Vor knapp zehn Jahren wurden die Verträge für eine Metrolinie unterzeichnet, doch schon mit Baubeginn traten erste Probleme auf – wertvolle Bodenschätze unter der Erde erschweren die Arbeit enorm. Dass die Eröffnung wie geplant noch in diesem Jahr stattfindet, gilt als ausgeschlossen.

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kurti27 / pixelio.de

Stattdessen verkehren innerhalb der Stadt alles andere als umweltfreundliche Busse. Der Emissionsausstoß dieser Transportmittel ist kaum vorstellbar, doch der Transport klappt erstaunlich gut. Man hat sich wohl inzwischen damit arrangiert. Buslinien gibt es zahlreiche, die Möglichkeiten für Touristen sind vielfältig und günstig. Ein Tagesticket kostet nur zwei Euro, eine Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt (circa 45 Minuten im regulären Verkehr) 80 Cent. Auf den ersten Blick macht die Stadt mit ihren prall gefüllten Cafés und Imbissbuden trotz Wirtschaftskrise einen lebhaften und gefestigten Eindruck. Das stimmt auch zum Teil: Denn die Finanzkrise trifft besonders die ländlichen Gegenden stark. Die Infrastruktur ist trotz der fehlenden Metro für griechische Verhältnisse erstaunlich gut. Thessaloniki verfügt über einen halbwegs modernen, weil neu errichteten Bahnhof mit Anbindungen in alle Himmelsrichtungen.

Dass Thessaloniki aber immer gut besucht ist, liegt neben der guten Infrastruktur an seinem jungen Publikum. Zwei große Universitäten sind hier beheimatet, für Heranwachsende der ideale Ort zwischen Elternhaus und der ernsten Realität. Das Wahrzeichen der Stadt steht allerdings im unmittelbaren Zentrum: Der Weiße Turm („Lefkos Pirgos“) diente in der Geschichte als Verteidigungsturm der Stadt und ist seitdem aufwendig modernisiert worden. Heute wird dort in sieben Stockwerken ein Teil der griechischen Geschichte auf griechisch und teilweise englisch nacherzählt. Ein Besuch lohnt sich aber trotzdem, obwohl man der griechischen Sprache nicht mächtig ist: Die Plattform auf dem Dach des Turmes dient für eine wunderbare Aussicht über die Stadt. Der Eintritt erfolgt gegen eine kleine Gebühr, für Studenten ist er sogar frei. Der Weiße Turm dient auch als zentraler Treffpunkt der BVB-Fans.

IMG-20150929-WA0007Vom Weißen Turm aus ist jede Sehenswürdigkeit relativ gut zu erreichen. Ein einfacher Tipp: Vor einigen Jahren wurde die Promenade, die auch am weißen Turm entlang verläuft, neu gestaltet. Das war auch bitter nötig, denn die alten Wege waren baufällig und nicht mehr zeitgemäß. Fahrradvermietungen gibt es zahlreiche – eine Tour mit dem Zweirad entlang der Promenade, etwa vom Hafen bis in die hinteren Teile der Stadt (nach Kalamaria) ist absolut empfehlenswert! Man passiert zahlreiche Cafés und Entspannungsmöglichkeiten und das Thermometer hat die Marke von 20 Grad auch Anfang Oktober noch lange nicht unterschritten.

Zu empfehlen ist auch ein Gang durch das zentrale Stadtviertel „Ladadika“, dem alten Ölmarkt der Stadt, unweit des Hafens. Hier finden sich zahlreiche Tavernen, in denen man wirklich günstig Spezialitäten der Stadt kosten und auch den ein oder anderen Ouzo trinken kann. Ein Tipp: Der Ouzo mit 42,5 Prozent ist der einzig wahre! Ein ungeschriebenes Gesetz sagt, dass beim ersten Besuch in Thessaloniki auch der Verzehr von „Bougatsa“ zwingend vorgeschrieben ist – eine Süßspeise aus Blätterteig, die wahlweise mit Crème, Schafkäse oder Hackfleisch serviert wird. Neben antiken Kirchen ist auch die parallel zur Promenade verlaufende Egnatia-Straße durchaus beliebt zum Schlendern. Nachts verwandelt sich Thessaloniki in die Party-Hochburg des Nordens: Aus den Bars an den Straßen werden gut besuchte Clubs, in denen vorwiegend griechische und internationale Charts gespielt werden.

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Volker Innig / pixelio.de

Auch sportlich hat die Stadt einiges zu bieten. Die Rivalität zwischen den örtlichen Fußballvereinen Paok und Aris ist hinlänglich bekannt – ebenso die Sympathien von Teilen der Dortmunder Fanszene mit dem inzwischen drittklassigen Verein Aris Saloniki. Die dritte Mannschaft im Bunde, Iraklis Saloniki, ist seit der laufenden Saison wieder in der ersten griechischen Liga vertreten. Diejenigen, die per Flugzeug anreisen und in der Maschine freie Platzwahl haben, sollten sich einen Platz auf der linken Seite (in Flugrichtung) aussuchen. Denn während des Landevorgangs bekommt man dann innerhalb von nur 15 Sekunden alle drei Spielstätten aus der Vogelperspektive zu sehen.

Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, ist ebenfalls bekannt – auch an Thessaloniki geht die Arbeitslosigkeit von gut einem Viertel der Bevölkerung nicht spurlos vorbei. Viele Menschen sind gefrustet, auch wenn man das im ersten Moment nicht unbedingt zu Gesicht bekommt. Gleichwohl ist diese Stadt – unabhängig vom Ausgang des Spiels – einen Besuch absolut wert.

Und für diejenigen, die Zeit im Gepäck haben und doch lieber etwas anderes sehen möchten: Das Meer ist nur eine halbe Stunde entfernt und eine gewisse Billigairline aus Irland fliegt auch sechs Mal täglich für einen kleinen zweistelligen Betrag nach Athen (und auch zurück, Tagestrip möglich!). Dort ist alles nochmal eine Dimension größer – aber das weiß man ja schon aus den Abendnachrichten der vergangenen fünf Jahre.

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