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London Calling-Gewinner: „My way to Wembley – eine Geschichte aus Bus V“

30.04.2013, 22.26 Uhr – Borussia Dortmund steht im Finale der UEFA Champions League – Waaahnsinn! – und eines ist sicher: „Da muss ich hin!“ – und das war ich dann auch!!! Hier lest ihr eine sensationelle Geschichte wahren Ursprungs von Matthias Lienig aus der Oberlausitz in Sachsen!

Wie komme ich an ein Ticket? Bewerbung beim BVB, sämtliche Freunde, Kollegen und Familienmitglieder werden zur Bewerbung gezwungen, tausende Gewinnspielteilnahmen und natürlich die Bewerbung bei der BVB-Fanabteilung.

20.05.2013 – Ich habe ein Ticket – jaaaaaa … BVB, ich werde dich nicht nur in London vor dem TV in einem Pub, sondern sogar im Stadion unterstützen! Jaaa – ich bin einer der wenigen Glücklichen!

Freitag, der 23.05.2013 – Start um 11.30 Uhr in Bautzen nach einer weiteren fast schlaflosen Nacht aufgrund riesiger Vorfreude und Aufregung. Ok, zunächst habe ich eine sechsstündige Fahrt bis Dortmund vor mir, nix Außergewöhnliches – habe ich das doch schon so oft gemacht, zuletzt erst vergangenen Samstag. Über das Spiel gegen Hoffenheim will und möchte ich hier nicht mehr reden, bin ich gedanklich wie tausend andere schon in Wembley.

Gegen 17.30 Uhr Ankunft in Dortmund, der Bus der FA fährt 21.30 Uhr, also erstmal ab in die Innenstadt auf ein frisches Brinkhoff’s und etwas zu essen. Frisch gestärkt geht es dann zum schönsten Stadion der Welt, einige Eidgenossen sind schon da, es werden also schon viele Fachgespräche geführt, man freut sich auf das, was folgt! Eine Auswärtsfahrt, die seinesgleichen sucht. 28 Busse, organisiert von der FA, stehen bereit, um sich auf den Weg zum Spiel des Jahrhunderts zu machen. Die wohl jemals größte ehrenamtlich organisierte Auswärtsfahrt Europas oder sogar der Welt und ich darf mich als ein Teil davon bezeichnen! Ich war Mitfahrer im Bus V – was das noch für eine Bedeutung haben wird, hat zu diesem Zeitpunkt niemand gewusst.

Nach Bangen und Warten werden endlich die Busse mit den Buchstaben gekennzeichnet … Der erste Bus ist … K, nein. Der zweite Bus – A … Nein, der auch nicht … Das ist … Daaa, das ist Bus V –Ich hab ihn gefunden, schnell hin da. Ich sitze als einer der Ersten im Bus, der sich mehr und mehr füllt. Nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung geht es los. London, wir kommen!

Viele sympathische Leute und der Bus ist keine fünf Meter gerollt, da stimmen wir schon die ersten Gesänge an. Das wird der Hammer, megageil, denke ich mir, im gleichen Atemzug zischt meine Dose Bier, die ich mir voller Vorfreude öffne. Nach einigen Dosen Bier, vielen Liedern zur Einstimmung auf das Finale und vielen neuen Bekanntschaften folgt der erste Stopp unseres Busfahrers Enrico. „Ich glaube, wir sind in Belgien oder bin ich noch in Holland?“ – Ach, ist doch egal, die Hauptsache ist – Wembley rückt immer näher!

Samstag, 25.05.2013 – Weiter geht es Richtung Calais, der Hafen an der Küste Frankreichs, von dem aus die Fähre unseren und die weiteren Busse tausender Fans auf die Insel bringen wird. Auf der Fähre geht es weiter nach Dover an der Küste Englands. Jedem im Bus V wird dieser Ort auf immer und ewig in Erinnerung bleiben, aber dazu später mehr!

Auf der Insel angekommen stimmt sich der gesamte Bus ein: „Football`s coming home“ und „Fiiinaaaale …“. Weiter geht die Fahrt nach London im Herzen des Landes, hier wird heute Abend das Ereignis stattfinden, worauf wir alle seit Wochen hinfiebern. Unser BVB will den Gegner schlagen und wir alle glauben an unser Team!

Nachdem unser Bus in unmittelbarer Nähe zum Wembley-Stadion angekommen ist, mache ich – wie auch Tausend andere – jede Menge Fotos vom Stadion und dem Drumherum. Danach stelle ich fest, dass wir bis zum Einlass ins Stadion ja noch gut sieben Stunden Zeit haben. Also gehöre ich zu denen, die zum Sightseeing in die Stadt aufgebrochen sind. Nachdem mehrere Euros in die britische Landeswährung Pfund getauscht wurden, verspeise ich „Fish & Chips“ und trinke erst einmal ein englisches Bier. Ich fahre mit der U-Bahn durch die Stadt, mache mehrfache Stopps und schaue mir Big Ben, London Eye und die Tower Bridge an. In der Nähe des Big Ben ruhe ich dann auf feinem englischem Rasen zwischen Einheimischen, aber viel mehr Fans beider Vereine aus Deutschland, die alle friedlich und respektvoll miteinander umgehen.

Als die Zeit immer näher rückt, mache ich mich auf den Weg zum Stadion – schon in der U-Bahn bemerkt man, dass es nicht mehr lange bis zum Anstoß sein kann. Die Menschenmassen stürmen Richtung Wembley. Am Bahnhof angekommen habe ich einen Blick auf das gut 300 Meter entfernte Wembley. Die Straßen und Wege dahin sind komplett gefüllt mit Menschenmassen, größtenteils hört man lediglich Gesänge der Schwarz-Gelben, was später auch im Stadion und – wie mir berichtet wurde – vor den TV-Geräten den Großteil ausmacht.

Gegen 17.30 Uhr komme ich am Stadion an und gehe in meinen Sektor C. Nach einer harmlosen, wirklich lächerlichen Kontrolle, bei der man Gott weiß was hätte mithereinschmuggeln können, komme ich aus dem Gang auf die Tribüne und bei der mir entgegen leuchtenden Sonne denke ich einen Moment gar nichts. Doch voller Freude komme ich zur Besinnung und denke nur, wie geil es ist, dass ich hier heute live dabei bin. Inmitten von Tausenden BVB-Anhängern, die schon seit knapp einer Stunde das Stadion erobern, fühle ich mich mehr als wohl. Als die Mannschaft einläuft, beginnen Hände und Knie zu zittern. Nicht mehr lange bis zum Anstoß. Bevor es losgeht, gibt es eine Zeremonie der UEFA. Dann endlich laufen die Teams ein, die Champions-League-Hymne ertönt – was für ein Gefühl! Jeder im Stadion spürt, worum es heute geht, das erste Finale zweier deutscher Teams!

Die ersten Minuten laufen, das Team und die Fans geben Vollgas. Die ersten 20 Minuten zeigen, dass hier heute für den BVB was zu holen ist. Doch dann zeigt auch der Gegner, dass er nicht ohne Grund im Finale steht, und zeigt mehrfach, wie gefährlich es vor Romans Kiste werden kann. Nach einer aufregenden ersten Hälfte geht es mit einem 0:0 in die Halbzeit. Unglaublich, wie meine Knie schlackern! Was für eine atemberaubende Partie. Die Halbzeit war gefühlt so kurz wie nie eine andere zuvor. Noch völlig aufgewühlt betreten die Spieler das Feld und der Pfiff zur zweiten Halbzeit ertönt. Wie schon zum Ende der ersten Hälfte geht es hin und her, was auch die Fans zu spüren bekommen. Sensationelle Rettungstaten auf der Linie, harte, aber faire Zweikämpfe und eine grandiose Stimmung auf den Rängen (zumindest auf der gelben Seite des Stadions) sorgen für emotionale Momente und einen sehr hohen Puls. Dann passiert es – der Gegner geht in Führung, kurze Stille im Block, doch die Fans erwachen und stehen hinter dem Team und peitschen es weiter mit Gesängen nach vorne. Dann ein Pfiff – Elfmeter für den BVB … Gündoğan tritt an und verwandelt selbstsicher. Der ganze Borussen-Mob schöpft neue Hoffnung und erkennt die Situation. Gefühlt ist es jetzt der lauteste Moment im Stadion. Weiterhin geht es hin und her und kurz vor dem Ende passiert das, was nur in schlechten Fußballbüchern geschrieben wird. Der Gegner erzielt kurz vor dem Ende das 2:1. Borussia Dortmund kommt nicht zurück und verliert unglücklich das Finale der UEFA Champions League 2013. Minutenlang nach dem Spiel stehen die Fans treu zu ihrem Team und präsentieren ihnen eine gelbe Wand. BVB, danke für diese geile Saison, für uns seid ihr alle Gewinner.

 

Nach dem Verlassen des Stadions sammeln sich bereits Hunderte Fans an den 28 Bussen der Fanabteilung. Geplante Abfahrtszeit ist 0 Uhr, aufgrund des Spielausgangs fahren die ersten Busse bereits um 23 Uhr Richtung Dover ab. Und hier beginnt das ganze Elend des Bus V. Der Busfahrer Enrico ist nicht in Sichtweite und aus reiner Verzweiflung greift ein Mitfahrer an die Tür, die sich plötzlich öffnet. Wahnsinn! Der Bus steht seit über zehn Stunden auf dem Parkplatz und ist nicht einmal abgeschlossen. Beim Betreten von V schlägt sich mir ein widerlicher Geruch entgegen. Nachdem der Busfahrer telefonisch erreicht wurde, teilt man uns mit, er stünde im Stau und die Abfahrt verzögere sich.

Sonntag, 26.05.2013 – Als der Busfahrer dann endlich aufkreuzt und wir gegen 0.30 Uhr losfahren, schlafe ich sofort voller Erschöpfung ein. Als ich nach gut einer Stunde wach werde, sind wir noch immer in London und zwar fährt Enrico in einem Kreisverkehr vor und zurück. Nicht zu glauben, er scheint mit der gesamten Situation völlig überfordert zu sein. Kaum zu glauben, dass dies der gleiche Fahrer ist wie auf der Hinfahrt. Alle im Bus pennen und das tue ich dann auch wieder. Das nächste Mal werde ich gegen 4.30 Uhr wach und das am Hafen von Dover. Doch sollte unsere Fähre nicht bereits drei Uhr starten? Keine Ahnung. Eine Stimme erklingt durch das Mikro von V und sagt uns: „Die Fähre um sieben wurde gecancelt. Leider können wir erst gegen 11.30 Uhr (also in sieben Stunden) auf die Fähre fahren.“ Sieben Stunden Wartezeit bedeutet erstmal einfach nur weiterpennen. Der Großteil der Insassen von V denkt das Gleiche und schläft zunächst weiter. Einige machen sich auf den Weg zu Burger King, welches sich nur gut 200 Meter vom Bus entfernt befindet. Ich persönlich werde erst um 11.30 Uhr wieder wach, als erneut die Stimme durch das Mikro erklingt: „Leider wurde uns gesagt, dass unser Bus zu groß sei und somit kein Platz mehr auf der Fähre ist. Die nächste Fähre ist für 14.30 Uhr reserviert, allerdings versuchen wir, schon früher auf eine Fähre zu kommen! Wir empfehlen euch daher, mal Luft zu schnappen oder was essen zu gehen.“ Etwas ausgeschlafener beschließe ich aufgrund der Mittagszeit etwas zu speisen und mache mich auf den Weg zu Burger King. Gerade wieder am Bus angekommen heißt es, es geht gleich los, wir kommen auf die nächste Fähre. Leider fährt Enrico nicht los, da noch einige nicht an Bord sind, sondern noch nichts ahnend bei BK essen. Nachdem nun endgültig alle die Nase voll haben, wird beschlossen, den Bus nun nicht mehr zu verlassen und die nächste Fähre zu befahren. Das klappt dann endlich auch. Endlich kommt auch die Sonne raus und auf der Fähre habe ich für einen kurzen Moment mal wieder ein positives Feeling, immerhin ist der nächste Schritt in Richtung nach Hause geschafft.

In Frankreich angekommen fahren wir von der Fähre ab und es geht endlich weiter nach Deutschland. Doch es ist noch lange nicht genug mit Problemen und Hindernissen – in Belgien erwartet uns ein Stau. Und das am Sonntagnachmittag in einem Land, wo jeder achte Einwohner ein Auto besitzt. Unglaublich, leider aber wahr. Mitten im Stau fahren wir an eine Raststätte, dort kaufe ich zwei belegte Brötchen – der Oberhammer ist, dass mich diese zwei Brötchen 10 Euro kosten. Mittlerweile ist alles egal. Die Fahrt geht weiter, es ist 23.59 Uhr, als wir in Dortmund am Stadion ankommen. Seit 17 Uhr wartet ein Freund von mir aus Bus I, das heißt, Bus V hat im Vergleich zu den anderen Bussen sieben Stunden Verspätung.

Montag, 27.05.2013 – Da ich aus Sachsen komme, steht mir noch eine sechsstündige Fahrt nach Hause bevor. Als Mitfahrer hinten im PKW schlafe ich bei strömenden Regen und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 km/h sofort ein. Wach werde ich zwischen Leipzig und Dresden durch einen Riesenknall, das Auto befindet sich bereits abseits der Autobahn und schleudert hin und her mitten in einem ein Meter hohen Grasfeld. Als das Auto zum Stillstand kommt, steige ich aus und stelle fest, dass weder ich noch die anderen Insassen verletzt sind. Ich renne bei strömendem Regen durch das hohe Gras zurück auf die Autobahn. Dort habe ich endlich Empfang, um die Polizei zu rufen. Mittlerweile ist es hell, keine Ahnung, wie spät es genau ist. Da ich nicht genau weiß, wo wir sind, bittet der Polizist mich, auf der Autobahn nach einem Schild zu suchen, um den genauen Standort zu definieren. Ich renne also an der Autobahn entlang, völlig durchnässt komme ich an einem Leitpfosten an, berichte dies dem Polizisten.

Auf dem Weg zurück zum Auto sehe ich die Bremsspur, den kaputten Wildzaun und die ca. 500 Meter lange Spur quer durch das Feld. Angekommen an einem total zerstörten Fahrzeug denke ich nur: „Matthias, du lebst – und das ohne einen Kratzer, Gott sei Dank!“

Kurze Zeit später kommt der Rettungsdienst, um uns zu versorgen, danach die Polizei. Die Oberkrönung war, dass der Fahrer mit einer Geldbuße von 35 € wegen Sachbeschädigung anbelangt wird. Hat er doch in diesem Moment noch völlig unter Schock stehend andere Probleme wie zum Beispiel ein auf Kredit noch nicht abgezahlter Pkw, der jetzt mit Totalschaden im Graben liegt.

Wie das Auto von der Straße abgekommen ist, ist mir noch unklar. Bei dem Wetter kann es sowohl Aquaplaning als auch Sekundenschlaf gewesen sein. Darüber will ich mir aber in diesem Moment keine Gedanken mehr machen. Nach ewigem Warten kommt dann endlich der Abschleppdienst. Dieser nimmt uns mit zu seiner Firma, wo alles weitere geklärt werden soll. Ich komme endlich in ein warmes Büro und setze mich total durchnässt an eine Heizung. Gott sei Dank stellt sich heraus, dass unser Fahrer eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen hatte. Somit haben wir Anspruch auf einen Leihwagen. Mit diesem geht die Fahrt dann gegen acht Uhr morgens weiter. Ich rufe auf der Arbeit an und sage, dass ich einen Unfall hatte und heute nicht kommen kann.

Gegen 11.30 Uhr komme ich dann endlich, zwar total durchnässt, aber gesund an. Ich entkleide mich und kann nach über drei Tagen endlich mal wieder duschen. Direkt danach falle ich ins Bett und wache erst am Folgetag um fünf Uhr morgens auf, um zur Arbeit zu gehen. Meine völlig verschlammten Klamotten kann ich trotz mehrfachem Waschen leider nicht mehr benutzen und muss diese entsorgen. Das alles wäre halb so schlimm, hätte unser BVB den Pott geholt. Aber trotz dieser Pannenserie, die mit dem Abpfiff in Wembley begonnen hat, steht eines fest: BVB, mein Leben, BVB, mein Stolz … Auch nächste Saison werde ich dich wieder lautstark und tatkräftig unterstützen, egal wohin die Reise geht. Forza BVB!


Auf Platz zwei beim FA-Schreibwettbewerb zum Champions-League-Finale landete:

– Alban Ferizi: „Echte Liebe – 90 Stunden für 90 Minuten

Die drittmeisten Stimmen erhielt folgender Text:

 

-Dirk Thamer: “My private view to Borussias Final

 

 

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