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CL-Halbfinale 1998: Das „gefallene“ Tor von Madrid

In der vergangenen Woche gastierte Borussia Dortmund zum Halbfinal-Rückspiel der UEFA Champions League bei Real Madrid. Nach Sergio Ramos’ Treffer zum 2:0 in der 88. Minute begann bei den mitgereisten Dortmunder Fans das große Zittern. Dabei gab es schon einmal eine Situation, in der die Anhänger der Borussia im Estadio Santiago Bernabéu zitterten. Damals jedoch aus anderen Gründen. Denn das erste Tor der Madrilenen fiel bereits vor dem Anpfiff.

Die Fans im Stadion und zu Hause vor den Fernsehgeräten trauten ihren Augen nicht. An einem denkwürdigen Europapokalabend im Jahre 1998 provozierten die Fans von Real Madrid den legendären Torfall und verzögerten somit den Anpfiff um exakt 76 Minuten.

Kein Aprilscherz: Real-Ultras reißen Gestänge und Tor ein

Das, was sich im Hinspiel am 1. April 1998 im Norden der spanischen Hauptstadt abspielte, war keineswegs ein Aprilscherz. Schiedsrichter Mario van der Ende aus den Niederlanden führte die Mannschaften auf das Feld und die Hymne der Champions League ertönte klangvoll im ausverkauften Stadion. Die Stimmung war exzellent und schon vor dem Anpfiff feierten die Fans ihre Mannschaften mit Sprechchören und Pyrotechnik.

Während der Hymne passierte jedoch das, was viele Menschen nicht für möglich gehalten hatten: Ein Teil der spanischen Fans hatte so sehr am Hintertorzaun gewackelt, dass dieser einstürzte und die Verbindungsstangen zwischen dem Tor und dem Zaun der Südtribüne des Stadions ebenfalls einrissen. Die sogenannten „Ultra Sur“-Anhänger hatten sich – wenn auch womöglich ohne sich eventueller Konsequenzen bewusst zu sein – an den Gestängen des Zauns zu schaffen gemacht. Diese hielten das Gewicht nicht mehr aus und gaben nach. Der linke Pfosten sackte zuerst ein, der Rest des Tores folgte kurz danach.

 

„Wir konnten uns nicht vorstellen, dass bei Real Madrid ein Tor umfällt“, gab Michael Zorc, heutiger Sportdirektor der Borussia, zu. Es begann das lange Warten auf ein neues Gehäuse, das den Regularien der UEFA entsprach. Viele Funktionäre, Vereinsbosse und Ordner bzw. Handwerker liefen über den Platz und machten einen ratlosen, gar hilflosen Eindruck. Das „gefallene Tor“ wurde abtransportiert. Und die Spieler? Der Schiedsrichter schickte beide Teams zurück in die Kabinen. Einige sprachen miteinander, andere hielten den Körper mit leichten Dehn- und Fitnessübungen in der Dusche auf Temperatur. Knut Reinhardt, Spieler beim BVB, sagte in einem Interview, dass später sogar die Anzahl an Bananen nicht gereicht hätte, damit sich alle mit Obst stärken konnten.

TV-Kommentatoren Jauch und Reif werden berühmt

An den TV-Mikrofonen wurden Marcel Reif und Günther Jauch berühmt, denn auch sie mussten irgendwie die Zeit überbrücken. Sie versorgten die Zuschauer mit Zusatzinfos, neuen Erkenntnissen und aberwitzigem Irrsinn. Zitate wie „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute“, (Reif) oder „Das erste Tor ist bereits gefallen“, (Jauch) kursieren heute immer noch durch die Medien. Mit einer Mischung aus Comedy, Sarkasmus und Galgenhumor sorgten Reif und Jauch für beste Unterhaltung beim TV-Publikum, um das lange Warten erträglicher zu gestalten.

Man wusste um kurz nach 21 Uhr nicht, ob das Spiel überhaupt angepfiffen wird. BVB-Präsident Dr. Niebaum sprach mit Verantwortlichen von der UEFA, doch diese wussten ebenfalls nichts Genaueres. „Es ist verblüffend“, so Michael Zorc, „wie lange es gedauert hat, bis der Weltklub Real Madrid ein entsprechendes Tor ins Stadion bekam.“ Die Gründe dafür sind bis heute nicht klar. Die erlösende Nachricht sollte um circa 21.35 Uhr aber dennoch folgen. Vom Trainingsgelände der Madrilenen wurde nach 55 Minuten ein Tor „importiert“, welches von der Art her heute bei vielen Amateurfußballvereinen zum Trainings- und Spielbetrieb genutzt wird. Das nächste Problem nahte: die Montage des Tores. Günther Jauch bezeichnete das Werkzeug der Arbeiter als „Hämmerchen“. Irgendwie gelang es doch, das Tor zu befestigen, auch wenn es bedenklich wackelte.

Referee van der Ende pfeift doch noch an – BVB unterliegt mit 0:2

Um 22:01 Uhr und 18 Sekunden, also mit exakt 76 Minuten Verspätung, konnte es endlich losgehen. Was viele vergessen, wenn sie an diesem Tag zurückdenken, sind die eigentlichen 90 Minuten des Champions-League-Halbfinales. Die Vorzeichen für eine Partie voller Kampf, Biss und Leidenschaft waren also gegeben. „Ein normales Spiel war es trotzdem nicht“, gab BVB-Spieler Knut Reinhardt später zu. An diesem Abend war halt gar nichts normal.

Dortmund, in dessen Startelf nur fünf Champions-League-Sieger vom Vorjahr standen, hatte mit großem Verletzungspech zu kämpfen. Auf der Gegenseite hatte Real Madrid viele Weltstars wie Roberto Carlos, Clarence Seedorf, Raúl und Fernando Morientes in seinen Reihen. Trotzdem versicherte BVB-Trainer Scala, den „Galaktischen“ nichts schenken zu wollen Der BVB drückte und besaß durch Vladimir But und Lars Ricken erste Gelegenheiten zur Führung. In der 25. Minute stellte Real den Spielverlauf jedoch auf den Kopf: Fernando Morientes traf nach einem Stellungsfehler in der Dortmunder Hintermannschaft zum 1:0 für die Spanier. In der Folge verlor der BVB die Kontrolle über das Spiel und schaffte es sehr selten, für konstruktive Entlastungsangriffe zu sorgen.

Real wurde im zweiten Durchgang stärker und erzielte durch den Franzosen Christian Karembeu das 2:0 nach 67 Spielminuten. Ein letztlich ungefährdeter Sieg für die „Königlichen“ gegen die Borussia, die im Verlaufe der ersten Halbzeit die Sicherheit im eigenen Spiel verlor. Auch im Rückspiel fand die Elf von Nevio Scala nur schwer ins Spiel und kam letzten Endes nicht über ein 0:0 hinaus. Damit stand Real Madrid im Endspiel der Champions League am 20. Mai 1998 in der Amsterdam Arena und setzte sich durch einen 1:0-Erfolg gegen Juventus Turin die Krone Europas auf.

Dass man trotz einer 0:2-Niederlage im Estadio Santiago Bernabéu das Finale erreichen kann, zeigte Borussia Dortmund in der vergangenen Woche. Nun geht es im Londoner Wembley-Stadion gegen den Rivalen aus München. Dort sind die Tore aber so montiert, dass sie nicht mit den Zäunen dahinter verbunden sind. Die Dortmunder Fans können dennoch für eine ähnlich spektakuläre Atmosphäre sorgen, wie es 1998 die spanischen Anhänger taten.

Leonidas Exuzidis

BVB | Fan- und Förderabteilung

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