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Sitzplätze und Goldlametta – mein 12. Mai 2012

Am 14. Mai 2005 bezwang der BVB die blauen Nachbarn zum ersten Mal nach 8 Jahren wieder – auswärts. Ich reiste zu dem Zeitpunkt noch aus der Schweiz zu den Spielen an und es war für mich noch zusätzlich ein ganz besonderer Tag, weil ich zum ersten Mal gemeinsam mit meinem neuen holländischen Freund zu einem Auswärtsspiel gefahren war.

Am 12. Mai 2007 bezwang der BVB im heimischen Westfalenstadion die blauen Nachbarn aller Vorhersagen zum Trotz mit 2:0 und versaute ihnen die fast schon sicher geglaubte Meisterschaft.

Am 14. Mai 2011 bezwang der BVB im heimischen Westfalenstadion die Eintracht aus Frankfurt mit 3:1 und bekam im Anschluss nach neun Jahren wieder die Schale des deutschen Fußballmeisters überreicht.

Am 12. Mai 2012 stand wieder ein großes Spiel an. Ein gutes Vorzeichen für eine abergläubische Pessimistin wie mich.

Große Gefühle vier Jahre später

Das Pokalfinale 2008 war einer der schönsten Tage meines bisherigen Fandaseins gewesen. Trotz Niederlage und Enttäuschung fuhren wir voller Stolz, Dankbarkeit und Hoffnung nachhause. Hoffnung, dass die dunkelsten Tage der Vereinsgeschichte endgültig hinter uns liegen und etwas Neues entstehen könnte, entstanden war.

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Vier Jahre später war diese Hoffnung Gewissheit geworden und wir fuhren mit dem bestmöglichen Gefühl nach Berlin: dem Gefühl Meister zu sein – schon wieder! Wir gehörten auch 2012 zu den Glücklichen mit Karte für das Olympiastadion.  Zusammen mit einem befreundeten Paar aus dem Block machte ich mich mit meinem Freund am Freitagmittag im Auto auf den Weg nach Berlin. Wir verkürzten uns die Fahrt mit BVB-Songs und überstanden so auch die drei Stunden Stillstand zwischen Braunschweig und Magdeburg. Dennoch war uns am Freitagabend in erster Linie nach einer Portion Schlaf zu Mute. Und das Ausschlafen hatte sich gelohnt: aufgeweckt, gutgelaunt, frisch geduscht und vor allem ganz in schwarz-gelb machten wir uns gegen zehn auf den Weg in die Stadt.

Es war wunderbar, die Hauptstadt wiederum in schwarz-gelb getaucht zu sehen, Borussia an jeder Ecke, Gedanken an 2008 wurden geweckt. Wir feierten den ganzen Tag – am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz und zuletzt stundenlang an der Gedächtniskirche, ehe wir gegen Abend zum Stadion aufbrachen. In der Bahn trafen wir dann auch zum ersten Mal größere Gruppen „Eintrittskarten“ (unser Übername für die Bayern, weil ganz offensichtlich keiner davon ohne Karte angereist war) und begrüßten sie mit unseren freundlichen Schlachtrufen „Ein Schuss, ein Tor, die Andern! Die ANDERN!“ oder „Robben in den Zoo!“, das Kribbeln in der Bauchgegend wurde immer stärker.

Sieg für unmöglich gehalten

Dann tauchte vor unseren Augen das imposante Olympiastadion auf, nach dem Westfalenstadion sicherlich das schönste deutsche Stadion und auch beim dritten Mal noch immer eine Erscheinung. Wir wollten nur noch rein! Im Block angekommen merkten wir dann aber ziemlich schnell, dass wir wohl zu den einzigen Stehgästen gehören würden. Je näher der Anpfiff rückte, je grösser die allseitige Anspannung wurde, umso mehr artete dies auch in Konflikten aus. Glücklicherweise konnten alle Seiten wieder beruhigt werden und der Spielverlauf sorgte später dafür, dass der Wunsch zu sitzen auch in unserer direkten Umgebung mehr und mehr verschwand.

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Ich gehöre nicht gerade zu den größten Fuβballoptimisten und hatte es kaum für möglich gehalten, die Bayern drei Mal in einer Saison zu schlagen. Wenn, dann würde es knapp werden, eine Zitterpartie, ein Herzschlagfinale. Hauptsache, wir können gut dagegen halten, konzentrieren uns und machen den Bayern das Leben so schwer wie möglich, damit wäre ich zufrieden gewesen, damit war ich auch 2008 zufrieden gewesen. Als der Ball in der 3. Minute im Tor lag und ich von irgendwem einen Meter in die Luft gehoben wurde, fasste ich nicht, was mir geschah.

Die Zeit danach gab uns etwas Luft, um darüber nachzudenken. Doch je länger ich das tat, umso unrealistischer wurde der Gedanke, dass wir in Führung lagen. Der Ausgleich der Bayern war folgerichtig und dessen Richtigkeit dürfte nicht angezweifelt werden. Doch nach einer Weile zeigte unsere Borussia wieder ihr gewohntes Gesicht und als der Schiedsrichter auch für uns Elfmeter pfiff, bekam ich ausgerechnet von einem meiner Sitzplatznachbarn eine Faust aufs Auge – unabsichtlich, beim Jubel natürlich! Zu früh gejubelt, dachte ich für mich, noch ist er nicht drin. Das könnte auch nach hinten losgehen… Die Elfmeterzweifel waren über Jahre genährt worden und konnten angesichts mangelnder Möglichkeiten auch diese Saison nicht ausgeräumt werden. Meine Freundin drehte sich ab, wir anderen drei schauten mit gekreuzten Fingern, die Hände halbwegs vor den Augen mit gebanntem Blick und bis in die letzte Sehne angespannt auf das entfernte Tor. Das Netz zitterte, wir flogen wieder übereinander hin! Und dann die Nachspielzeit, viel zu lange, ich wollte mit der Führung in die Pause, wollte durchfeiern. Doch die Feiern wurden jäh unterbrochen vom nächsten Torjubel!

Sitzplätze werden zur Stehplatztribüne

Von Sitzplatzblock konnte schon lange keine Rede mehr sein, zu anstrengend war das dauernde hinsetzen und aufstehen. Aufstehen wegen einer Chance für die Bayern, aufstehen wegen einem Tor für uns, aufstehen, weil das gefordert wird („Deutscher Meister steh auf!“), aufstehen, um dem „wiederauferstandenen“ Torhüter zu applaudieren, aufstehen, um dem eingewechselten Torhüter zu applaudieren, irgendwann hatte es auch der Letzte aufgegeben. Ich hatte aufgrund meiner mangelnden Größe sowieso das Vergnügen gehabt, von niemandem zum Sitzen aufgefordert worden zu sein und setzte mich daher in der Halbzeitpause zum ersten Mal hin.

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Durchatmen, versuchen zu begreifen, nachdenken, was, wie und ob das eigentlich noch schiefgehen könnte. Einen kurzen Moment fühlte ich eine seltsame innere Ruhe, doch dann kamen auch schon wieder alle Spieler zurück auf das Feld. Die gefühlt kürzeste Halbzeitpause aller Zeiten… Die zweite Halbzeit ist in meiner Erinnerung trotz absolutem Alkoholverzicht verschwommen. Ich habe gelesen, dass wir die Bayern teilweise dominiert haben und ich zweifle keinen Moment an diesen Aussagen. Erinnern kann ich mich nur an einen weiteren Torjubel und an meinen Nachbarn, der mir ins Ohr schrie „Das ist es! Das ist es! Das ist es!“, dann an meine eigenen Schreie vor und nach dem 4:2 „Drauf! Drauf! Konzentriert bleiben! Kommt Jungs! Genau! Nach vorn! Weiter!“ und wie ich dem gleichen Nachbarn nach dem 5:2 „Das wars! Das wars! Das wars!“ ins Ohr geschrien habe.

Alles andere war schwarz-gelb und gold, Jubel und Freude, unbändige Glücksgefühle und blaue Flecken von den Stühlen. Letztere fühlten wir allerdings erst am nächsten Morgen. Am Abend standen wir nur da und schauten in Unglauben auf den goldenen Lamettaregen der über die Mannschaft kam, als diese das Marathontor neben uns verlassen hatte und sich „endlich“ zur Pokalübergabe begeben hatte. Als die Spieler wieder zurück bei den Fans waren und ich sie da unten tanzen sah, den Pokal in der Hand, da musste ich an das letzte Pokalfinale denken. Wie wir in der Kurve standen, die Schals über den Köpfen, mit Tränen in den Augen. Ich bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Tränen der Glückseeligkeit

Etwas später tauchte auch irgendwoher die Schale auf und es rannte ein Spieler mit ihr vor uns entlang. In diesem Moment schoss mir die Szene in den Kopf vom Spiel in Bielefeld, als wir nach Abpfiff im Auswärtsblock standen, bedrüppelt, 16., ausgelacht und besiegt von Arminia Bielefeld im strömenden Regen und ein Mann zu mir meinte „Weine nicht, die Trümmertruppe ist es nicht wert.“ Und ausgerechnet dann kam über die Lautsprecher „An Tagen wie diesen“ und der ganze schwarz-gelbe Block war ein großer Chor, der den Refrain mitsang.

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Mir rannen die Tränen die Wangen runter wie Wasserfälle, zum ersten Mal seit zwei Jahren begriff ich, was ich gerade miterlebte. Pokal und Schale waren gleich da unten, in den Händen der vielleicht sympathischsten Borussen aller Zeiten, es liefen mir Schauer über den Rücken, nebst der Dauergänsehaut die ich schon den ganzen Abend hatte. Wir würden noch Generationen von diesem Spiel, von diesen letzten zwei Saisons erzählen!!!

Gefühlte Stunden später, als die Mannschaft verschwunden war und die Blöcke auch auf unserer Stadionseite nur noch spärlich gefüllt waren, gingen wir bedächtig nach draußen, um auch die letzten Atemzüge an diesem denkwürdigen Ort mitzunehmen. Einmal draußen wurde dann aber auch gleich wieder gefeiert. Noch immer singend und tanzend auf dem Rasen vor dem Stadion kam plötzlich jemand auf mich zu und wollte eine meiner Bananen von 2008, die ich wieder ausgegraben hatte. Er wollte sie tauschen gegen Goldlametta, das er unter seinem Pulli trug.

Ich stimmte zu, tauschte in der dunklen und mittlerweile auch wieder kalten Berliner Nacht vor dem Stadion eine vier Jahre alte aufblasbare Plastikbanane gegen stinkendes Goldlametta das ein wildfremder unter seinem Pulli versteckt hatte, stopfte es danach schnell unter meinen eigenen Pulli, um nicht umgerannt zu werden von allen, die ein Stückchen „Pokalsieg“ abhaben wollten. Isoliert betrachtet eine äußerst absurde und doch so genial treffende Situation.

Wir hingen am nächsten Tag zwei Lamettastränge aus dem Autofenster im längsten Automeisterpokalkorso, den diese Republik jemals gesehen hat – von Berlin nach Dortmund. Hupkonzerte, Schals, Lieder aus den offenen Fenstern und in jedem Gesicht der gleiche Ausdruck: totale Erschöpfung, ein leichter bis mittelschwerer Kater und ein seliges Lächeln.

Ein 12. Mai für die Geschichtsbücher.

Nadja Luck

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