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Nachbericht zur Podiumsdiskussion

Eine Podiumsdiskussion von Fans und Politikern – ein Novum in Dortmund, realisiert und organisiert vom Fanprojekt und der BVB-Fanabteilung. Kurz vor der Bundestagswahl stellten sich Vertreter von sechs Parteien Themenkomplexen wie „Fußball und Sicherheit“ und „soziale und kulturelle Bedeutung des Fußballs“. Ergänzt wurde die Runde von Fanvertreter Jan-Henrik Gruszecki.

Entgegen aller optimistischen Erwartungen reichte zunächst die Bestuhlung von 100 Plätzen in der Unilever Food Solutions Lounge bei weitem nicht aus. Zu groß waren Interesse und Zuschauerandrang, so dass kurzerhand noch Sitzgelegenheiten für die rund 300 tatsächlich anwesenden Fans beschafft werden mussten. Nicht viel besser erging es übrigens dem Biervorrat, den der rege Zuspruch früher als gedacht in die Knie zwang. Zum Glück der einzige Wermutstropfen des Abends.

„Pünktlich“ um 19:09 Uhr konnte es dann losgehen: Moderator Jakob Scholz begrüßte Fans und Medienvertreter, erklärte die Spielregeln des Abends (dem Thema entsprechend wurde mit Gelben und Roten Karten bei Überziehung der Redezeit gearbeitet) und fand passende Worte, um die Relevanz der Podiumsdiskussion zu unterstreichen. Insbesondere die 12:12-Diskussion habe im Hinblick auf die Fanpolitik, die an diesem Abend im Mittelpunkt steht, eine wichtige Rolle gespielt.

Zu Beginn gab es für jeden Parteivertreter drei Minuten Zeit um, die Ausrichtung seiner Partei vor diesem Hintergrund vorzustellen. Michael Kauch (FDP) verwies auf ähnliche Interessen von Fans und Liberalen in Bezug auf Datenschutz und Eigenverantwortung, betonte die Unschuldsvermutung, welche auch im Stadion gelten muss und verwies beim Thema Kennzeichnungspflicht auf die gespaltene Haltung innerhalb der FDP. Er persönlich spricht sich für wechselnde Nummern der Beamten aus. Im Hinblick auf die Gewalttäterdatei Sport – da sei man sich allerdings einig – „gibt es noch einiges zu tun“. Bei einer Redezeit jenseits der drei Minuten gab es dafür den ersten Applaus und die erste Rote Karte des Abends.

CDU-Kandidat und Polizeihauptkommissar Thorsten Hoffmann legte anschließend Wert auf den gewaltfreien Ablauf eines Fußballspiels. Wichtig dafür: Kommunikation auf Augenhöhe, die Einhaltung von gewissen Verhaltensregeln und feste Ansprechpartner bei Verein und Polizei. Zudem spracht sich Hoffmann für den Erhalt der Stehplätze aus, um die einmalige Atmosphäre im Stadion zu sichern. Er selbst hatte lange Zeit eine Dauerkarte beim BVB und bekomme jedes Mal Gänsehaut wenn er an die Gelbe Wand denke.

Daniela Schneckenburger (Bündnis 90/Grüne) griff diese Faszination auf und betonte die Bedeutung der Fankultur in Fußball. Für sie steht neben dem Dialog im Hinblick auf Stadionverbote die Arbeit der Fanprojekte im Mittelpunkt. Besonders die präventive Arbeit dieser Einrichtungen sei unschätzbar: „Wir reden von einem Stück Kultur, das dort entstanden ist und erhalten bleiben muss.“ Im Hinblick auf den BVB lobte sie den offensiven Kampf gegen Homophobie und Rassismus.

Sabine Poschmann von der SPD setzte ebenfalls beim Thema Fanprojekte an, die sie aus ihrer Arbeit mit dem Steetkick-Turnier in Dortmund kennt. Prävention sei besser als Bestrafung, dementsprechend müssen alle Beteiligten weiter das Gespräch miteinander suchen. Die am Vormittag verkündete Entscheidung von Parteikollege und NRW-Innenminister Ralf Jäger, die Polizei Gelsenkirchen künftig nicht mehr im Stadion einsetzen zu wollen, hielt sie für „keine so gute Idee“. Auch sie sprach sich für den Erhalt der Stehplätze aus.

Christian Nissen (Piratenpartei) kennt als Anhänger des Wuppertaler SV viele Sorgen und (Fan-)Probleme aus eigener Erfahrung. Dementsprechend wichtig war ihm einerseits, auf die sozialverträglichen Ticketpreise hinzuweisen, die den Stadionbesuch für jeden möglich machen müssen, andererseits eine Reform der Datei Gewalttäter Sport. Nur so könne sichergestellt werden, dass es eine rechtlich einwandfreie Grundlage für die Erteilung von Stadionverboten gibt. Darüber hinaus forderte er die Versachlichung der Debatte um den Einsatz von Pyrotechnik.

Den Abschluss der Vorstellungsrunde machte Ulla Jelpke von der Linken: „Glaubt man den Polizeigewerkschaften, sind Fußballfans neben Salafisten und Rockern die größte Gefahr für innere Sicherheit.“ Mehr als eindringlich warnte sie vor der Hochstilisierung der Sicherheitsdebatte und wies gleichzeitig darauf hin, dass Gewalt durch anonyme Polizisten nicht geduldet werden kann. Ihre Partei befürworte die Kennzeichnungspflicht, die Stärkung der Fanprojekte und setze sich für die Beachtung rechtsstaatlicher Grundlagen bei der Vergabe von Stadionverboten ein. Dass sie bei ihrem letzten Satz, die Linke sei für den Fan „der 12. Mann und die 12. Frau“ die Rote Karte kassierte, nahm Jelpke gelassen hin.

Als Fanvertreter versuchte sich Jan-Henrik Gruszecki anschließend in einer politischen Einordnung der Fans: „Fußballfans sind stock-konservativ was die Strukturen angeht, bei den Bürgerrechten liberal und den Kapitalismus lehnen viele rund um den Fußball komplett ab.“ Er prangerte die zunehmende Kriminalisierung der Fans durch „Polit-Hooligans“ an, die 2012 auf die Spitze getrieben wurde. Die DFL habe sich diesem Einfluss durch die Einführung des Sicherheitskonzeptes am 12. Dezember gebeugt. Auch der Ruf nach Abschaffung der Stehplätze wurde in dieser Zeit immer lauter. Sabine Poschmann wehrte sich gegen den Vorwurf, die SPD habe diese Forderung zuerst geäußert und schob dies der CDU in Person von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zu. Thorsten Hoffmann warf im Gegenzug SPD-Mann Jäger vor, durch den Abzug der Polizei aus dem Gelsenkirchener Stadion eine Front gegenüber den Fans aufzubauen.

Moderator Jakob Scholz lenkte die Diskussion an dieser Stelle wieder auf das eigentliche Thema: den sozialen Charakter und die Bedeutung der Stehplätze im Fußball. Es sei „völlig abwegig, Stehplätze aus Sicherheitsgründen zu verbieten“, befand FDP-Kandidat Michael Kauch. Im Hinblick auf die Gestaltung der Ticketpreise argumentierte er, dass es Sache der Vereine sei, diese entsprechend zu gestalten. Dementsprechend müssten sich auch die Vereine ihrer Verantwortung bewusst sein und Preise sozialverträglich gestalten.

Auf die Frage aus dem Plenum, was die Parteien auf den Vorschlag von Innenminister Ralf Jäger (die Polizei aus dem Stadion abzuziehen) halten, gab es geteilte Meinung: Ulla Jelpke (Die Linke) befürwortet einen solchen Vorschlag: „Wenn die Polizei nicht dabei ist, gibt es fast nie Gewalt.“ Daniele Schneckenburger verteidigte Jägers „dialogbereite“ Haltung. Für sie stellte sich grundsätzlich die Frage, weshalb die Polizei im Stadion überhaupt präsent sein muss. Ihrer Meinung nach wird sie die Situation aus Fansicht zumindest nicht verschlechtern, die Haltung der Linkspartei könne sie aber nicht nachvollziehen.

Im Hinblick darauf erfragte Scholz von den Kandidaten die Haltung ihrer Parteien in Bezug auf eine Kennzeichnungspflicht der Polizei. Kauch persönlich sprach sich für eine Kennzeichnung durch wechselnde Nummern aus, verwies aber erneut auf die gespaltenen Lager innerhalb der FDP. Einig war er sich mit Grünen-Vertreterin Schneckenburger darüber, dass die Sicherheit in den Stadion durch die Vereine gewährleistet werden sollte: „Man kann nicht einfach sagen ‚Polizei raus‘. Erst einmal muss der Verein seine Aufgabe wahrnehmen.“ In dieser Hinsicht gäbe es auch im Fall in Gelsenkirchen noch Aufklärungsbedarf. Jan-Henrik Gruszecki warf an dieser Stelle ein, dass die Dialogbereitschaft der Fans gegenüber der Polizei nach dem Einsatz von V-Männern und der Missachtung von Absprachen langsam erschöpft sei und erntete dafür Kritik von Schneckenburger.

Ein Beispiel aus dem Plenum sorgte anschließend für eine lebhafte Diskussion hinsichtlich der ausreichenden Kennzeichnung der Beamten zwischen Thorsten Hoffmann („Die sind gekennzeichnet!“) und dem Plenum. Hoffmann verwies auf seine Erfahrung als Polizeikommissar und verteidigte die schutzbedürftigen Rechte der Beamten. Jeder Beamte sei bereits eindeutig identifizierbar. Dem widersprachen nicht nur Ulla Jelpke und Daniela Schneckenburger („Ich habe auf Demonstrationen schon andere Erfahrungen gemacht“), sondern auch die Zuhörer anhand anschaulicher Beispiele.

Christian Nissen (Piratenpartei) ergänzte: „Wenn ich bei einem Polizeieinsatz Fotos mache, ist hinterher mein iPhone weg.“ Nicht nur die Kennzeichnungspflicht, auch die Schaffung einer unabhängigen Ombudsstelle soll aus Sicht seiner Partei bei der Klärung von Vorwürfen gegen Polizisten helfen. Schließlich entstehe bei der Ermittlung Polizist gegen Polizist immer ein „Geschmäckle“. Genauso wichtig sei es auch dafür zu sorgen, dass in den Reihen der Polizei kein Klima der Angst erzeugt werde. Jeder müsse die Möglichkeit haben, Fehler zuzugeben.

Ulla Jelpke verwies darauf, dass Beamte zwar als Einheit, nicht aber individuell gekennzeichnet sind. Eine Vorstellung, die laut Hoffmann einer „Märchenwelt“ gleichkommt. Er habe in 14 Jahren bei der Polizei „Dinge erlebt, die Sie nur aus dem Fernsehen kennen.“ Es könne nicht sein, dass Straftaten von Polizisten nicht zur Anzeige gebracht werden. Auch von weiteren Beispielen aus dem Plenum wollte er sich nicht von dieser Haltung abbringen lassen, weshalb Jakob Scholz die Zuschauer an dieser Stelle in eine wohlverdiente Pause entließ.

Mit der Anmerkung, dass man nach anderthalb Stunden erst zwei von zehn Themen auf der Agenda angesprochen habe, ging es 15 Minuten später mit der Diskussion weiter. Auch Michael Kauch äußert sich noch zur Einrichtung einer Ombudsstelle. Er warnte vor einem Sonderrecht für Fußballfans. Wenn, dann müsste eine solche Institution für alle offen sein, beispielsweise auch bei Nazi-Demonstrationen. Allerdings: „Ich hätte ein Problem damit, dass wir dann auch mit denen reden müssten.“ Sabine Poschmann sprach sich insbesondere angesichts der Versäumnisse in der NSU-Affäre für die Einrichtung aus: „Das Vertrauen in Polizei und Aufklärung ist dort zum Teil verloren gegangen, Ombusstellen können dieses zurückbringen.“ Sie solle auch bei anderen Veranstaltungen zum Einsatz kommen und auch Polizisten offen stehen.

Eine Frage aus dem Plenum sprach die Einschränkung der Bürgerrechte von Fans insbesondere bei Auswärtsreisen an. Fußballfans dürfen nicht im Vorfeld kriminalisiert werden, so Daniela Schneckenburger. Sie verstehe die Frustration einiger Fans im Hinblick auf den Umgang mit der Polizei, dennoch müsse der Dialog von beiden Seiten beibehalten werden. Missstände und nicht eingehaltene Absprachen müssen öffentlich gemachen werden. Sie warnte aber auch vor der zu plakativen Aussage, Fußballfans seien automatisch Fans zweiter Klasse.

Gruszecki widersprach: Ein Fußballfan werde bei der Ankunft an einem Bahnhof anders behandelt als ein normaler Reisender. Diese Stigmatisierung als Gefahrenherd führe eben auch nicht unbedingt zu Deeskalation: „Wenn man wie ein Hooligan behandelt wird, verhält man sich vielleicht auch wie einer.“

Sabine Poschmann verteidigte grundsätzlich den Einsatz der Polizei, diese sei wichtig für die Fanbetreuung. Dennoch bezeichnete sie Praktiken wie das Einkesseln von Fans als fragwürdig. Auf Demos trete die Polizei heute zunehmend deeskalierend auf. Dieses Konzept müsse auch im Hinblick auf den Fußball übernommen werden. Ulla Jelpke sprach den Generalverdacht gegenüber Fans an: „Es kann nicht sein, dass man Fußballfans als Versuchskaninchen benutzt.“ Um ein anderes Klima zu schaffen, müsse dieser Verdacht beiseite geschafft werden. Eine unabhängige Ombudsstelle für alle könnte dabei helfen, weshalb sich ihre Partei für deren Einrichtung einsetzt.

Um beim Thema „Fußball und Sicherheit“ zu bleiben, erfragte Jakob Scholz zudem die Haltung der Parteien gegenüber der Datei Gewalttäter Sport. Die Datei mag in guter Intention entstanden sein, in ihrer jetzigen Form sind einige Einträge darin völlig rechtswidrig, so Piraten-Vertreter Christian Nissen. Sie sei komplett undifferenziert und gibt keine Auskunft darüber, wann jemand wie zuletzt auffällig geworden sein, geschweige denn, wie eine Person dort hineingerät. Michael Kauch bezeichnete eine Länder-übergreifende Datei als grundsätzlich sinnvoll, hob jedoch auch zahlreiche Kritikpunkte wie die Verhältnismäßigkeit, Klarheit, Speicherdauer, Transparenz und Benachrichtigungspflicht hervor. Die Eintragung in die Datei müsse dringend überprüft werden, wofür sich seine Partei in der kommenden Regierung einsetzen werde.

Zum Schluss lenkte Scholz die Diskussion noch einmal auf die Fanprojekte und übergab dazu das Wort an Mitarbeiterin Tina Meidenstein. Sie betonte den öffentlichen Auftrag und die (finanzielle) Unabhängigkeit der Einrichtung vom Verein. Angesprochen auf deren Finanzierung erklärte Daniela Schneckenburger, die Grünen haben sich bereits für die Erhöhung des Länderanteils eingesetzt. Nach der Wahl wolle man eine gemeinsame Linie auf Bundesebene finden. Sie hob die breite Akzeptanz und die wichtige Arbeit der Fanprojekte nicht nur im Hinblick auf den Fußball hervor. Thorsten Hoffmann („Fanprojekte sind ganz wichtig!“) erklärte, man habe kommunal zwar kein Geld für die Fanprojekte und diese müssen auch nicht gefördert werden, er persönlich findet aber gut, dass es gemacht wird. Differenzierter sah es Daniela Poschmann (SPD), die die unsichere Finanzierung durch die DFL ansprach und den Bund in die Pflicht nahm, hier Geld beizusteuern.

Bei der letzten Wortmeldung aus dem Plenum ging es dann um die Frage, weshalb Gewalt zum Fußball gehört, sodass die Polizei überhaupt vor Ort sein muss. Fan-Vertreter Jan-Henrik Gruszecki konstatierte, dass die Gewalt im Fußball nicht ausgeprägter sei als anderswo: „Der Fußball hat kein größeres Gewaltproblem als die deutsche Gesellschaft.“ Zum Abschluss durften alle Parteivertreter noch eine Prognose für den kommenden Wahlsonntag wagen (Gruszecki sprach sich ausnahmsweise für eine schwarz-gelbe Vizemeisterschaft aus).

Als Moderator Jakob Scholz schon zum Schlusswort ansetzte, meldete sich Michael Kauch noch einmal zu Wort. Er lobte die Veranstaltung und die Tatsache, dass er hier viel mit von dem mitbekommen habe, womit man als Parteivertreter sonst nicht unbedingt konfrontiert wird. Sein Vorschlag: Die Diskussion ein Mal jährlich zu wiederholen, um den Dialog zwischen Fans und Politik aufrecht zu erhalten. Dafür gab es Applaus vom Plenum und Zustimmung vom Moderator, der erklärte, man habe mit dieser Veranstaltung die Politik für alle greifbarer machen wollen. Dass auch die Politiker neue Einblicke in die „Fanrealität“ gewonnen haben, freut die Veranstalter umso mehr. Nach mehr als zwei Stunden lebhafter Diskussion entließ Scholz die Zuhörer dann mit vielen interessanten Eindrücken und der Aufforderung „Geht wählen, macht von eurem Recht Gebrauch!“ in die Nacht.

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