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Eine kleine Weihnachtsgeschichte: Eisbrecher im „Kalten Krieg“

Eine kleine Weihnachtsgeschichte: Eisbrecher im „Kalten Krieg“

Gerade hatte die große Glocke der Reinoldikirche zwölf Mal geläutet. Es war Mitternacht. Geisterstunde. Die Vitrinen im neuen Fußballmuseum gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof öffneten sich. Heraus sprangen die tollsten Exponate, um sich über ihre großartigen Erfolge zu unterhalten. Heute durften die historischen deutschen WM-Bälle ihre Geschichte erzählen.

Stolz berichteten sie davon, wie Helmut Rahn 1954 mit ihrer Hilfe die entscheidenden beiden Tore zum ersten WM-Titel erzielt hatte, Gerd Müller 1974 aus einer sagenhaften Drehung heraus gegen Holland traf, Andy Brehme 1990 den Elfer gegen Argentinien verwandelte und Mario Götze Deutschland 2014 gegen Messi und Co. unnachahmlich zum vierten WM-Titel geschossen hatte.

Die WM-Bälle sonnten sich verklärt in ihrem Ruhm und wären vor Stolz fast geplatzt. Da meldete sich aus dem Hintergrund ein etwas verschrumpeltes Exemplar der Gattung „Ball“ ganz ohne äußeren Glanz und meinte bescheiden: “ Ich bin zwar nicht so berühmt wie ihr, aber dennoch Teil einer spannenden Geschichte, die ich gern erzählen würde“. Gemurre im Raum. Was würde dieser Mickerling schon berichten können! Trotzdem traute sich niemand, ihm das Wort zu verbieten. Ein wenig unwirsch hörte man zu.

„Ich bin der Ball des Fußball-Länderspiels zwischen der UdSSR und Deutschland, das im August 1955 stattfand und das wir mit 2:3 verloren haben“.

Das war ja noch schöner. Jetzt durften sich auch schon Verlierer äußern.

Doch bevor jemand meckern konnte, ging es weiter:

„Deutschland hatte ja im 2. Weltkrieg viel Leid in die Welt getragen. Danach waren wir im Sport geächtet und durften international bis 1950 nur zuschauen.

Zwischen den westlichen Siegermächten und den Sowjets gab es nach 1945 eine sehr frostige Phase, die man zutreffend als „Kalten Krieg“ bezeichnete. Unabhängig davon wollten die UdSSR und die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufnehmen und sich damit vorsichtig annähern. Die russische Bevölkerung stand diesem Gedanken strikt ablehnend gegenüber. Immerhin musste sie 20 Mio. Kriegstote beklagen. Das hatte man bislang nicht vergessen. Wir waren für sie immer noch die Barbaren aus dem ungeliebten Hitler-Deutschland.

Also galt es, die politischen Absichten behutsam und vor allem vertraulich vorzubereiten. Konrad Adenauer war damals Bundeskanzler. An der Spitze der Sowjetunion standen Chrustschow und Bulganin. Die ersten Kontakte zwischen ihnen gab es im Juni 1955; die Signale standen danach auf „grün“. Und dann hatte Adenauer einen genialen Gedanken: Wie wäre es, wenn Deutschland seine Nationalmannschaft in Moskau spielen lassen würde. Immerhin war man amtierender Weltmeister, und Fußball war auch in der UdSSR beliebt wie nie zuvor. Also traf er sich vertraulich mit Peco Bauwens, dem DFB-Prädidenten. Sein Vorschlag: Die Deutsche Nationalelf fährt im August nach Moskau, muss dort nicht unbedingt gewinnen, hinterlässt aber als Fußballteam, Weltmeister und Sport-Botschafter der Bundesrepublik einen erstklassigen Eindruck beim Gastgeber und, besonders wichtig, bei seiner Bevölkerung. Das könnte, so Adenauer weiter, der Eisbrecher zwischen den beiden Ländern sein, den er so dringend brauchte.

Im Stillen liebäugelte der gewiefte Kanzler nämlich damit, mit diesem Spiel die Lage so zu entspannen, dass er eines seiner wichtigsten Themen ansprechen könnte: Die Rückkehr von etwa 10.000 Kriegsgefangenen, die noch immer in Sibirien in den Kohle-, Zinn- und Erzbergwerken festgehalten wurden und dort unter schlimmsten Bedingungen schuften mussten.

Der DFB nahm Kontakt zum Fußball-Verband der UdSSR auf. Dort fand man die Idee gut. Allerdings war die geplante Partie auch hier ein brisantes Politikum und bedurfte der Zustimmung der Staats- und Parteispitze. Chrustschow gab sein okay. Als Termin wurde der 21. August 1955 festgelegt. Ort des Geschehens: Das Dynamo-Stadion zu Moskau, Anstoß: 16.00 Uhr Ortszeit.

Genau um 15.55 Uhr betraten die beiden Mannschaften, angeführt von Schiedsrichter Ling aus England, das Stadion. Ling hielt mich, den Ball, den der DFB als Gastgeschenk mitgebracht hatte, fürsorglich in seinen Händen. Auf der Tribüne saßen die Repräsentanten beider Länder. Nach den Nationalhymnen gingen die Spieler aufeinander zu und tauschten Blumensträuße aus. Und dann kam der Moment, der auch bei mir eine Gänsehaut verursachte: Spontan und unabgesprochen liefen die beiden Teams gemeinsam zum Publikum, winkten und grüßten minutenlang in die Menge und verteilten ihre Blumen an die begeisterten Fußballfans. Großes Staunen. Dass die Kriegsverbrecher und erklärten Klassenfeinde zu einer solch sympathischen Geste fähig waren, beeindruckte alle. Da war er, der von Adenauer ersehnte Eisbrecher.

Es klappte alles wie erhofft: Die 90 Minuten verliefen ausgesprochen fair und ohne jede Härte, geschweige denn Fouls. Deutschland verlor nach großartigem Spiel mit 2:3 und machte mit diesem Ergebnis Adenauer eine weitere Freude. Ich als Ball fühlte mich wie im siebten Fußball-Himmel. Es war schlichtweg toll!

Nach dem Spiel erfüllten Fritz Walter und seine Kameraden Hunderte Autogrammwünsche und ließen sich mit den sowjetischen Fußballfans geduldig fotografieren. Die UdSSR-Presse überschlug sich in Lobeshymnen.

Konrad Adenauer rieb sich in seinem Wohnsitz Rhöndorf vergnügt die Hände. Alles war bestens gelaufen. Schöner hätte es gar nicht kommen können! Voller Optimismus flog er nach Moskau, nutzte dort die Gunst der Stunde und konnte mit der russischen Regierung die angestrebten diplomatischen Beziehungen vereinbaren. Und auch mit dem heiklen Thema der deutschen Kriegsgefangenen hatte er Erfolg!

Es gehört sicher zu den anrührendsten Augenblicken der deutschen Nachkriegsgeschichte, als die freigelassenen deutschen Kriegsgefangenen wenige Wochen später in Friedland und Helmstedt eintrafen, um dort von ihren überglücklichen Angehörigen in die Arme genommen werden zu können. So viele Freudentränen sind selten vergossen worden! Für alle war es wie ein vorweg genommenes Weihnachtsfest“.

In den letzten Minuten war es sehr still geworden im Deutschen Fußballmuseum. Alle hatten gebannt zugehört. Dieser unscheinbare Ball, der Verlierer von 1955, war in Wahrheit der große Sieger. Und er war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass der Fußball einer der wichtigsten Brückenbauer zwischen Menschen jeglicher Hautfarbe, Religion und politscher Weltanschauung war, ist und bleibt.

 

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein friedliches und gesundes 2016

Autor: Gerd Kolbe, Leiter AG Tradition
Foto: K. K.

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