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Die Relegation der Saison 1985/1986

Als Jürgen Wegmann den Ball am 17. Mai 1986 in der Nachspielzeit über die Linie bugsierte, glich das ausverkaufte Westfalenstadion einem Tollhaus. Doch was war geschehen? Hatte Borussia Dortmund etwa die Deutsche Meisterschaft gewonnen? War man in das Finale des Europapokals eingezogen? Nein… Dieses Tor wahrte lediglich die Chance auf den Klassenerhalt.

Denn Borussia Dortmund hatte eine miserable Saison gespielt. In der Endabrechnung stand lediglich Platz 16 zu Buche. Der BVB musste also in der Relegation „nachsitzen“ – Gegner war der Drittplatzierte der Zweiten Liga, Fortuna Köln. Das Hinspiel in der Domstadt im Müngersdorfer Stadion war ein Spielgelbild der Spielzeit: Borussia Dortmund wirkte mut- und herzlos. Mit 0:2 schickten die Fortunen den Erstligisten nach Hause. Der überragende Kölner Stürmer Bernd Grabosch hatte die Borussia nach Strich und Faden vernascht. 

Dramatik im Rückspiel

Im Rückspiel stand die Borussia also unter Zugzwang. Es entwickelte sich ein Spiel, das an an Dramatik, Spannung und absolutem Wahnsinn kaum zu überbieten war. 3:1 hieß es am Ende für die Westfalen. „Das waren Emotionen, die kann man gar nicht in Worte fassen“, schwärmte BVB-Urgestein Michael Zorc, der persönlich einen hohen Anteil an diesem unvergesslichen Abend hatte. Doch wer hätte dies nach den ersten 45 Minuten gedacht? Die Borussia knüpfte nahtlos an die schwachen Leistungen der Vorwochen an. Wieder war es Grabosch, der die Abwehr der Schwarz-Gelben düpierte und den Gast aus Köln mit seinem 1:0 quasi in die Erstklassigkeit schoss. „Eigentlich waren wir zur Halbzeit schon abgestiegen“, erinnerte sich Offensivakteur Marcel Raducanu später in einem Interview. 

Kaum jemand hatte es für möglich gehalten, dass Borussia Dortmund im zweiten Durchgang noch einmal zurückkommen würde. Doch angetrieben von frenetischen Fans, die nicht ans Aufgeben dachten und einem hochmotivierten Michael Zorc ließ die Mannschaft die Relegation von 1985/86 in die Geschichte eingehen. Zunächst hämmerte der heutige BVB-Sportdirektor einen strittigen Strafstoß kurz nach Wiederanpfiff zum Ausgleich in die Maschen. Berechtigt oder nicht? Das war für die 54.000 Zuschauer im ausverkauften Westfalenstadion nicht wirklich von Bedeutung.

 

Die Elf von Trainer Reinhard Saftig, der kurz vor der Relegation ins Boot geholt wurde, um den Sturz in die Zweitklassigkeit zu verhindern, spielte anschließend totales Powerplay. Eine Offensivaktion folgte auf die nächste und Fortuna Köln hatte Probleme, überhaupt einen Angriff kontrolliert bis ins letzte Drittel des Feldes zu spielen. Doch die Borussia wollte zu oft mit dem Kopf durch die Wand. Und wenn sie dann einmal die Defensive der Gäste um Abwehrchef Karl Richter überwunden hatten, scheiterten sie am grandios aufgelegten Keeper Jacek Jarecki.

Raducanu weckt die zweite Luft

Doch tatsächlich: Die Borussia belohnte sich. Marcel Raducanu, der normalerweise nicht als Kopfballungeheuer bekannt war, platzierte einen Kopfball unhaltbar ins linke Eck. „Plötzlich war der Ball im Winkel“, meint Raducanu – die 2:1-Führung in der 68. Minute. Noch war Zeit, dachten sich auch die Fans im Stadion. Sie peitschten ihre Elf nach vorne, doch es sollte einfach nicht gelingen. Wieder und wieder hieß die Endstation Jarecki. Die Schwarz-Gelben drohten zu verzweifeln, doch ließen nichts unversucht, um den dritten Treffer zu erzielen.

Es dauerte schließlich bis zur 91. Minute, ehe das Westfalenstadion in seinen Grundfesten bebte. Kölns Keeper Jarecki ließ einen Schuss von Ingo Anderbrügge nur abprallen – es war sein einziger Fehler. Jürgen „Kobra“ Wegmann stocherte den Ball irgendwie über die Torlinie und ließ das gesamte Stadion explodieren. Ausgerechnet Wegmann, der einige Tage zuvor seinen Wechsel zum Rivalen FC Schalke bekannt gegeben hatte. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Und doch war damit noch gar nichts entschieden. Das 3:1(0:1) berechtigte lediglich zum Entscheidungsspiel.

In der Nachbetrachtung jedoch sind sich die meisten einig: Die Stadt Dortmund wird diesen Treffer so schnell nicht vergessen. „Es war der lauteste Torschrei“, erzählte Wegmann. Präsident Rauball ergänzte: „Das Tor führte zu Verhaltensweisen, die man sonst nicht an den Tag legt.“ Er hatte Recht, doch dieser Tag war keineswegs ein normaler Tag. Schließlich wurde sogar Wegmann sein Wechsel zum Erzrivalen verziehen.

Hupes Tor ist der „Dosenöffner“

relegationEs folgte das Entscheidungsspiel im Düsseldorfer Rheinstadion, das auf Grund von einer ungewöhnlichen Krankheitswelle in den Reihen der Fortuna aus Köln um eine Woche verschoben worden war. Mannschaftskapitän Dirk Hupe war es, der per Flugkopfball das Tor Richtung Erste Liga weiter offen ließ – das 1:0 in der 31. Minute. Die Motivation dieser hungrigen Dortmunder Mannschaft war an diesem Tag nicht zu überbieten. Borussia Dortmund machte weiter Dampf, als würde es kein Morgen gegeben.

Die Lorbeeren erhielten sie im zweiten Durchgang. Fortuna Köln wurde in seine Einzelteile zerlegt und mit 8:0 überrollt. Einem Doppelschlag von Michael Zorc und Ingo Anderbrügge kurz nach Wiederanpfiff hatten die Rheinländer nichts mehr entgegenzusetzen. Borussia Dortmund war es also vergönnt, weiter in Deutschlands Oberhaus zu kicken. Die Fans feierten die Mannschaft wie Helden, die gerade den Europapokal gewonnen hatten. Jedem war die Bedeutung dieses Erfolges im Bewusstsein, so knapp er auch zwischenzeitlich gewesen sein mochte.

Was wäre gewesen, wenn…?

Diese Relegation ist deshalb so besonders, weil sie die Weichen für eine rosige Zukunft stellte. Was wäre geschehen, wenn Dortmund tatsächlich an diesem Tag abgestiegen wäre? „Die Mannschaft wäre auseinander gefallen“, ist sich Raducanu sicher, „wir wären nicht so schnell wieder aufgestiegen.“ Ein Blick in die Gegenwart genügt, um sich die möglichen Konsequenzen zu verdeutlichen. Während Borussia Dortmund knapp 27 Jahre später zum zweiten Mal im Endspiel der UEFA Champions League steht, streitet sich Fortuna Köln in der Regionalliga mit 19 anderen Teams um einen ersten Platz, der wiederum erneut „nur“ zur Relegation berechtigt.

Diese Relegation ist deshalb so besonders, weil sie einen Schlussstrich unter die Misere der Borussia zog, die sich speziell auf wirtschaftlicher Basis wiederspiegelte. Der BVB stand am Abgrund – sportlich und wirtschaftlich. Reinhard Rauball brachte den Verein mit Hilfe der gesamten Stadt und den Dortmunder Brauereien wieder einigermaßen in die Spur. Und mit viel Glück, Leidenschaft und absolutem Willen zahlte es die Mannschaft in der Relegation zurück. „Über diesen dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht“, urteilte Rauball.

Der gesamte Verein Borussia Dortmund schien im Sommer 1986 die Botschaft verstanden zu haben. Man zog wieder an einem Strang, was sich auch in den positiven Ergebnissen des Folgejahres bemerkbar machte. Mit 40:28 Punkten und 70 geschossenen Toren landete der BVB auf einem beachtlichen vierten Platz.

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