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Der Fußballgott und sein Wirken in Berlin

Er war da. Er war in Berlin, im Olympiastadion am 12. Mai 2012. Er ging an mir vorbei und lächelte mich an, als ich zur Tribüne ging. Natürlich glaubte mir niemand. „Jürgen Kohler? Quatsch, erzähl nichts.“ Vielleicht, ja, vielleicht habe auch nur ich ihn gesehen. Nein, besser: Vielleicht ist er nur mir erschienen. Der Fußballgott persönlich. Und ich hätte es wissen müssen. An diesem Abend sollte alles gut und gerecht werden.

Es verkam auch zur Randnotiz, dass Marko Marin ebenfalls an mir vorbei ging. Ein Sterblicher eben. In Block 17.2 war ich dann angespannt. Ich hatte wohl die Anwesenheit des Fußballgottes vergessen. Nein, eigentlich bin ich nicht abergläubisch. „Wenn die Bayern gewinnen, bleiben wir nicht zur Siegerehrung“, überlegten meine Freunde. Ich wollte diese Eventualität nicht einmal denken. Und auch zu offen über den selbstverständlichen DFB-Pokal-Triumph der Dortmunder wollte ich nicht reden. Sonst geht noch was schief.

Übermacht aus dem Ruhrpott

Doch sie waren leise, die Bayern-Fans. Wirkten mutlos, ohne Erwartungen. Wussten sie es etwa schon? Konnte für Dortmund überhaupt etwas schief gehen? Nein. Nicht bei dieser Übermacht aus dem Ruhrgebiet, die schon den ganzen Weg auf der A2 und die Rastplätze am frühen Morgen sowie den ganzen Tag die Innenstadt von Berlin in einen schwarz-gelben Karnevalsumzug verwandelte. Wo waren die Bayern? Dahingehend war der Tag wie Ostereier suchen. Gut versteckte Ostereier. Auf der A2 hatten schon einige Autos ein Münchener Kennzeichen. Doch dieses war den Fahrern offensichtlich unangenehm – drinnen war meist schwarz-gelb zu sehen. Kennzeichen „M“, das sind Firmenwagen, keine Fan-Kutschen. Wir hingegen nutzten jeden kleinen Stau um den Schal aus dem Fenster zu halten und zu schwingen begleitet von „Wer ist Deutscher Meister?“. Im Berliner Zoo waren sogar mehr Rostock-Fans als Bayern. Nämlich einer. „Jungs, haut sie weg heut Abend!“, forderte dieser. „Wird gemacht!“

Die Angst vor dem Elfmeter

Im Stadion hatte man wohl alle Bayern zusammengekratzt. Sehen konnte ich sie jetzt. Nur nicht hören. Schon gar nicht, als der BVB in der dritten Minute in Führung ging. Normalerweise trifft der BVB nicht so früh in einem so wichtigen Spiel gegen so einen Gegner, der in der Anfangsphase noch schläft. Normalerweise. Doch, und diesen Satz habe ich kein einziges Mal vernommen, der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Und der Fußballgott war da.

Als Mats Hummels dann beim Stand von 1:1 zu seinem Elfmeter bereit stand, hatte ich große Furcht. Ein Elfmeter wird fast wie ein Tor gefeiert, doch er war noch lange nicht drin. Offenbar stand aber die rechte Hand Jürgen Kohlers eine Reihe vor mir. Sein Bier wie einen Becher Tee haltend, mit der Gelassenheit eines Chefredakteurs am frühen Morgen nickte er mir zu, lächelte und sagte nur, ich solle mir keine Sorgen machen, der geht rein, die Jungs machen das schon. Und so geschah es. Er wusste es, und nahm mir sofort jegliche Angst. Es war komisch, aber von da an wusste auch ich es. Nach dem Tor drehte er sich um, nickte wissend und reichte mir die Hand. „Ich hab’s euch doch gesagt.“

Höchstmaß an Euphorie nach Triumph

Was folgte, muss nicht groß beschrieben werden. Wir sangen, sprangen, jubelten. In der Pause ging ein Fan durch unsere Reihe, gab jedem die Hand. Ich sagte zu ihm, er solle nicht zu lange fort bleiben, das sei noch lange nicht alles gewesen. Es werde noch eine richtige Party folgen. Und er war kurz davor, Bier zu weinen, umarmte mich und wiederholte ein paar Mal: „Das wird noch ’ne richtige Party!“

Es war dann wieder so ein komisches Erlebnis. Das 4:1. Danach ging nichts mehr nach oben. Der Treffer entfachte ein Höchstmaß an Euphorie in mir. Phasenweise bekam ich gar nicht mehr mit, was unten gespielt wurde. Ich rief meinen Bruder und einen Freund an, hielt das Handy hoch. Sie sollten kurz eintauchen in die Gesänge. Wir feierten nur noch. „Ein Schuss, kein Tor, die Bayern!“ Egal, was dann noch folgte, mehr ging nicht. Auch die beiden Tore, der Schlusspfiff – völlig unwichtig. Dieses Spiel hatte das Maximum an Freude aus den Fans herausgekitzelt, und das schon lange vor Schlusspfiff.

Und dennoch feierten wir unbeirrt weiter. Sangen unsere Stimmbänder in den Vorruhestand und niemand dachte an ein Ende. Wir hatten den Bayern die Lederhosen ausgezogen. Und wie. Fünf zu zwei. Fünf zu zwei! Als wir vor dem Stadion dann Bayern in Lederhosen sahen, wurde uns klar, dass diese wohl zum Spiel vorausschauend zwei Lederhosen anhatten. Oder drei.

Die Feier war auch nicht zu Ende, als wir wieder im Auto saßen, so gegen Mitternacht, um zurück nach Dortmund zu fahren. Wir bogen nach etwa einer Minute rechts ab und das Navi sagte: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Was bitte? Auf dem Display stand „Olympiastadion Berlin“. Genau da wollte unser Auto wieder hin. Niemand hatte daran gedacht, den neuen Zielort einzugeben. Wieso auch? Was sich hier abgespielt hatte, war einmalig. Und durch eine Fügung des Fußballgottes waren ich und zwei Freunde bei diesem absoluten Saisonhöhepunkt dabei. Hier sollte man sein. Ich wusste nun, warum die Karten für dieses Finale im Internet für 800 Euro verkauft wurden. Manche wussten es eben schon vorher. Und auch ich hätte es wissen müssen, als mir Jürgen Kohler erschien.

Er war da. Der Fußballgott. Er war in Berlin, im Olympiastadion am 12. Mai 2012. Er ging an mir vorbei und lächelte mich an, als ich zur Tribüne ging. Natürlich glaubte mir niemand. Doch nach diesem Spiel müssen mir alle glauben.

Nils Bickenbach

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