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Echte Liebe – 90 Stunden für 90 Minuten

Echte Liebe – 90 Stunden für 90 Minuten

 

Die Vorbereitung: Freude und Leid

Am späten Abend des 08.05., kurz bevor ich ins Bett ging, merkte ich wieder mal den Nachteil, sich ein Smartphone leisten zu können. Ein bekanntes Geräusch. Ich hatte eine E-Mail bekommen. Und dann musste ich wieder an das 3:2 gegen Malaga denken. Und dann las ich die E-Mail wieder und wieder. Um ganz sicher zu sein, stand ich auf, schaltete mein Laptop ein und las die E-Mail wieder. Jetzt war es klar. Ich hatte gewonnen. Eine Option auf den Kauf von zwei Tickets für das Champions-League-Finale. Dass es sich um zwei Tickets der Kategorie 2 handelte, die nicht ganz so billig waren? Egal. Meine Freude kannte keine Grenzen. Diese Nacht konnte ich nicht mehr schlafen. Der Puls ging hoch. Alles andere war in dem Moment irrelevant. Wann ist mir denn zuletzt so etwas passiert? Ach ja, das war eigentlich gar nicht so lange her. Das war auch, kurz bevor ich ins Bett ging. Als ich DIE Nachricht bekam. Götze wechselt zu den Bayern. Da konnte ich auch die ganze Nacht nicht schlafen. Aber diesmal war der Grund die Freude. Ein schönes Gefühl. Ich genoss es die ganze Nacht.

Am nächsten Tag, glücklicherweise ein Feiertag, ging es nur darum, wie ich nach London komme. Alle Optionen wurden geprüft. Schnell stellte ich fest, es wird ein teures Vergnügen. Vor allem wenn man in Ulm wohnt. In Ulm. Kein Flughafen. Keine Busverbindungen. Weit weg. Machte nichts. Und dann sah ich es. DIE Chance. Die BVB | Fan- und Förderabteilung bot die Möglichkeit an, mit Bussen von Dortmund nach London und zurück zu fahren. Mitglieder zahlten nur 85 Euro. Das war es. Das war das, was ich wollte. Mit Gleichgesinnten im Bus zum großen Finale zu fahren. Wie ich von Ulm nach Dortmund kam, war mir egal. In dem Moment. Also schnell bewerben, Ticket – JA, Mitglied beim BVB – JA, Mitglied in der Fanabteilung – JA. Alle Daten schnell ausfüllen. E-Mail abschicken. Also konnte nichts schief gehen. Dachte ich mir zumindest.

 

Und dann kam dieses eine Gefühl, dieser Gedanke. Mir wurde schlecht. Ich bin zwar ein Europäer. Theoretisch. Aber doch irgendwie auch keiner. Ich bin ein sogenannter Nicht-EU-Bürger. Ich komme aus dem Kosovo. Könnte also theoretisch auch aus Afrika, Asien, Amerika, Australien kommen. Aber selbst diese haben bessere Ausgangslagen. Also schnell wieder gegoogelt. Einreisebestimmungen für Großbritannien durchgelesen. Für in der EU lebende Nicht-EU-Bürger. Sogenannte „visa nationals“. Ach ja, da war es wieder, dieses Gefühl, das ich zuletzt bei dem zweiten Elfmeter von Salihovic im letzten Heimspiel hatte. Autsch. Man hatte gehofft, der Elfmeter würde nicht reingehen. Aber man wusste es, man hoffte vergeblich. Gegentor. Niederlage. Oder gibt es doch noch ein paar Minuten bis zum Spielende? Vielleicht geht da noch was.

Also was brauchte ich? Ich brauchte ein Visum. Gut. Und was brauchte man für ein Visumantrag? Man musste nur einen Onlineantrag ausfüllen. Und ein paar unterstützende Dokumente. Und einen Termin ausmachen. Nur. Man musste nur glaubhaft machen, dass man nichts Böses vorhatte. Dass man ein guter Mensch war. Genug Geld hatte. Einen Job hatte. Nicht vorhatte, zufälligerweise in Großbritannien für länger zu bleiben. Ich meine, illegal oder so. Das bekannte Spiel also. Ha, das kannte ich. Wenn man nach Deutschland will, ist es genau so. Oder nach Russland. Oder in die USA. Also schnell den nächstmöglichen Termin in der Visaantragsstelle in Düsseldorf ausgemacht. In nur vier Stunden hatte ich dann auch den Onlineantrag ausgefüllt. Nebenbei musste ich die Reisen meiner letzten 10 Jahre auflisten. Ach, ein biometrisches Foto noch schnell beim Fotografen erledigen. Und eine Bestätigung vom Arbeitgeber, dass ich eine Arbeit hatte, genug verdiente und offiziellen Urlaub hatte – und zwar bezahlten. Also alles gut. Ich würde alles geben, das war klar. Vollgas-Veranstaltung. Das kannte ich.

Das Vorspiel: Hoffen und Bangen

Das Wochenende verging schnell. Am Montag, dem 13.05., machte ich mich auf den Weg nach Düsseldorf. Von der Fanabteilung noch nichts gehört. Zocken war angesagt. Ich sprach noch mal kurz mit meinem potenziellen Mitfahrer. Wir riskieren es bis zum Schluss. Die Flüge wurden zwar immer teurer. Aber wir waren überzeugt, dass wir einen Busplatz noch kriegen. In Düsseldorf bei der Visaantragsstelle durfte ich meine Dokumente abgeben. Schnell noch Fingerabdrücke abgenommen. Kannte ich doch. Ich bin ein Nicht-EU-Bürger. Pipifax. Und dann durfte ich vorsprechen. Ich machte der Dame klar: Mein Verein, der BVB, steht im Champions-League-Finale. ICH WILL, MUSS, WERDE DABEI SEIN. Sie machte große Augen. Es gäbe da ein „Priority Service“, meinte sie. Es kostete ja nur 100 Euro extra. Kein Problem, meinte ich, um das Geld geht es schon lange nicht mehr hier.

Bis jetzt hatten mich die Visumgebühren und Zugfahrten sowie kostenpflichtige, nicht informative Hotlines schon mehr als die Champions-League-Karte und der Busplatz zusammen gekostet. Ich würde auch 200 Euro zahlen. Also alles gut. Nur, sie nahmen keine Karten an, man konnte nur bar zahlen. Kurz gezuckt und dann mein Vorschlag: Kein Problem, ich gehe rüber zur Bank, hebe das Geld ab und komme wieder. Nein, lautete die Antwort. Sie dürfen das Büro nicht mehr verlassen. Wir sind ja schon „in dem Computer drin“. Aha. Alles klar. Das hieß? Es gab einen Eilservice gegen Bezahlung. Theoretisch. Nur – ich konnte den nicht benutzen. Und wie lange dauerte es normalerweise, bis ein Visum bearbeitet wird? Das wissen wir nicht. Wir nehmen die Dokumente nur an und leiten sie weiter. Vielleicht dauert es zwei Wochen, vielleicht vier, vielleicht länger. Nächster bitte. Aha. Alles klar. Ich fuhr zurück nach Ulm. Und hoffte. Und hoffte. Und hoffte. Es würde schon irgendwie klappen. Was sollte da noch schief gehen? Die würden es doch verstehen. Ein Fußballfan. Champions-League-Finale. Da geriet selbst der Bürgerkrieg in Syrien zur Nebensache. Grotesk.

 

Die nächsten 09 Tage gehörte es zum täglichen Ritual, meine E-Mails alle 15 Minuten zu checken und mein Visumantrag online zu verfolgen. Aber weder von der Fanabteilung noch vom Britischen Konsulat eine einzige Spur einer Antwort. Die Nervosität wuchs mit jeder Minute. Selbst die Organisation meiner eigenen Hochzeit geriet da in den Hintergrund. Am Mittwoch vor dem Spiel war klar: Die Fanabteilung hatte gesprochen. Wer keine E-Mail bekommen hatte, der hatte auch keinen Platz im Bus bekommen. Aha. Also, ich war nicht dabei. Der potenzielle Mitfahrer schien nicht amused zu sein. Er wäre nur zu gerne mit dem Bus gefahren, sagte er. Flug und Übernachtung so kurzfristig unbezahlbar. Also dachte ich, ich zocke weiter. Wer weiß, dran glauben, ist das Motto. Und tatsächlich! Ich besuchte mal wieder die Facebook-Seite der Fanabteilung, das 1909-te Mal an dem Tag. Und dann las ich eine Meldung. Sie war 43 Minuten alt. 250 weitere zusätzliche Plätze in den Bussen wären frei. Nur für Karteninhaber. Nur für Mitglieder. Nur für die Schnellsten. Also nichts wie ran. Schnell eine E-Mail verschickt. Und hochgerechnet. Damit ich diesmal keinen Busplatz kriegen würde, hätten seit dieser Meldung drei Leute pro Minute vor mir dran gewesen sein müssen. Also konnte das nicht sein. Ich war mir sicher, ich bin dabei. Und tatsächlich, wenig später kam die Nachricht. Wir waren dabei. Busfahrt nach London. Mit der Fanabteilung. Mit Gleichgesinnten. Und am gleichen Tag kamen auch die Tickets per Post an. Gänsehaut. Freude pur. Das Leben kann so schön sein. Autsch. Das Visum war aber noch nicht da. Donnerstagabend. Die Hoffnung schwand. Morgen war Freitag. Um 23.30 Uhr fuhren die Busse in Dortmund los. Was mache ich jetzt? Sollte ich jemanden um einen deutschen Ausweis fragen? Nein, das war doch eine Straftat. So weit ging die Liebe dann doch nicht. Aber es musste doch eine Möglichkeit geben. Es konnte doch nicht wahr sein. Also schnell die Fakten auf dem Tisch. Und dann die Entscheidung: Ich fahre morgen auf gut Glück nach Düsseldorf. Und entweder bekomme ich den Pass (den sie einbehalten hatten) mit dem Visum oder ich überzeuge das Konsulat, mir ein Visum zu geben. Zocken. Vollgas.

 

Am Freitag, dem 24.05., 36 Stunden vor dem Finale in Wembley, war ich auf dem Weg nach Düsseldorf. Dort angekommen, erstmal durch die halbe Stadt gelaufen, bis ich ein Internetcafé gefunden hatte. Schnell noch mal den Onlinecheck. Der Status meines Visumsantrags hatte sich nicht geändert. Verdammt. Also, jetzt war klar, ich musste persönlich dort hingehen, und wer weiß, vielleicht kam der Pass ja heute mit der Post aus England an. Vielleicht hatte ich ja Glück. Hatte ich nicht. In der zuständigen Antragsstelle wurde mir mitgeteilt, kein Pass, kein Visum. SORRY. In dem Moment sah ich einen Landsmann von mir. Er strahlte. Er hatte das gleiche Problem. Er hatte nach mir den Antrag gestellt. Aber das Visum bekommen. Ich war neidisch. Wie konnte so was möglich sein? Ich stand nun da. In Düsseldorf. Schnell den potenziellen Mitfahrer angerufen. Er könne jemand anders mitnehmen, sagte ich. Meine Karte würde frei. Pustekuchen. Er steige aus. Alleine wolle er nicht fahren. Andere Bekannte waren krank oder konnten nicht. Oder was auch immer. Also musste ich beide Karten verkaufen. Das könne doch nicht schwer sein, meinte er. 30 Stunden vorm Spiel. Aha. Schnell die Fanabteilung angerufen. Ach ja, die Busplätze konnte ich nicht mehr an potenzielle Kartenkäufer überschreiben. Interessant. Ich könne aber bei ihnen am Stadion in Dortmund am Infostand vorbeischauen. Um acht. Die Karten würde man loskriegen. Bestimmt. Ich weinte ohne Tränen. Ich ging wieder zurück ins Internetcafé. Ich hatte nichts zu verlieren. Schnell eine E-Mail an die Britische Botschaft in Berlin geschrieben. Die würde zwar nie gelesen. Aber egal. Der Frust musste raus. Das wäre nicht fair, schrieb ich. Champions-League-Finale. Keinen kümmerte’s. Und ich hatte auch noch Pech. Terroralarm in London.

 

Also checkte ich alle Optionen. Zug, Bus, Mitfahrgelegenheit nach Ulm, zum Bierfest nach Erlangen oder nach Dortmund? Wohin führte mein Weg? Also fuhr ich nach Dortmund. In der Stadt angekommen, sichtlich erschöpft, fühlte ich mich gleich wohl. Einfach alles schwarz-gelb. Ich fühlte mich wie im Wunderland. Schnell ein Pils getrunken. Wie verkaufe ich jetzt die Karten? Gute Frage. Immerhin beschloss ich, ich schau mir das Spiel in Dortmund an. Public Viewing. Das war doch immerhin was. Der Gedanke, zurück nach Süden zu fahren und das Finale alleine zu Hause oder beim Public Viewing mit Bayernfans anzuschauen, war unerträglich. Also schnell die Hotels in Dortmund abgecheckt. Aber irgendwie konnte ich nicht buchen. Irgendwas bremste mich. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also ab zum Westfalenstadion. Überpünktlich. Um 18 Uhr war ich schon da. Und traff die ersten Fans. Alle freuten sich auf die anschließende Fahrt. Ich erzählte meine Situation. Dass ich Karten verkaufte und nicht mitfahren durfte. Weil ich kein Visum hatte usw. usw. Alle hatten Mitleid. Ich brauchte Bier. Schnell zu Strobels. Ein Pils bitte. Da waren zwei Zwillingsbrüder. Aus Niedersachsen. Ich erzählte meine Story. Und gab einen aus. Sie fühlten mit. Acht Uhr. Infostand der Fanabteilung. Ja, sie fühlten auch alle mit. Schade. Eine Dame meinte: „Wollen wir es riskieren?“. Bevor ich antworten konnte, alle anderen: „Nein, vergiss es.“ Ohne Dokumente. Keine Chance. Strenge Kontrollen. Jetzt erst recht. Nach dem Terroralarm. Die Hoffnung wurde immer kleiner. Ok, ich sah es ein: Ich verkaufe meine Karten. Und gut ist. Also schrieb ich auf einem Zettel „Verkaufe Karte(n)“ und hielt es hoch. Die ersten Fans kamen auf mich zu und erzählten, dass es dort ums Eck einen gäbe, der mir über 800 Euro für die Karte zahlen würde, aber er wäre wohl ein Dealer. Nein. Das machte ich nicht. Wenn, dann würde ich nur an die BVB-Fans verkaufen. Punkt. Und siehe da. Da kam der erste Interessent. Er traute dem Braten nicht. „Was hätte ich denn da?“, fragte er. Und was würde ich denn dafür verlangen? Wären die Karten überhaupt echt? Die Echtheit der Karten überprüften wir bei der Fanabteilung. Also gut. Kopie vom Reservierungsschreiben gab ich ihm auch. Für einen BVB-Fan war ich bereit, meinen Preis soweit zu senken, dass der Interessent sich das leisten konnte. Ich wollte ja nicht dran verdienen. Meine Kosten, Zeit und Nerven würde ich eh nicht mehr reinholen. Wir waren beide zufrieden. Und dann fragte er, ob ich auch die zweite Karte verkaufen wolle. Für seinen Schwiegervater. Für einen Moment ergab ich mich. „Ja“, antwortete ich. Er rief an, der Schwiegervater hatte kein Interesse. Also zurück zu Strobels, Pils kann Wunden heilen. Wir trafen andere Fans. Sie waren bei der letzten Auswärtsfahrt in London gegen Arsenal dabei. Keine Chance, meinten sie. Strenge Kontrollen. Nur einer, der bis dahin geschwiegen hatte, sprach es aus. „Junge, an deiner Stelle würde ich es riskieren. Sonst bereust du es das ganze Leben lang.“ Das brauchte ich. Die Initialzündung, den Zuspruch. Der Glaube war zurück. Auch den fünf Pils sei Dank. Ich verabschiedete mich von meinem Käufer, Michael. Auch er sagte zu mir: „Wir beide sehen uns morgen in Wembley.“ Jetzt konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich würde es machen. Also schnell zur Fanabteilung. „Würdet ihr mich trotzdem mitnehmen?“ „Nur auf eigenes Risiko.“ „Ja, ich stimme zu.“ Ich war dabei. Schnell zum Bus T. Der Reiseleiter hieß Michi. Ein netter Kerl. Er nahm mich auf mein eigenes Risiko mit. Aber er wollte an der Grenze keine Diskussionen. Man hatte keine Zeit. Die Fähre musste man erwischen. Notfalls bliebe ich eben alleine in Calais, sagte er. Das musste mir klar sein. Wie ich zurückführe, sei mein Problem. Immerhin könnten sie meine Karte für mich weiterverkaufen. Zum Originalpreis. Immerhin. Ich stimmte zu. Mein Herz raste. Ich stieg als Letzter in den Bus ein. Ganz hinten. Kannte keinen. Mein rechter Nachbar war erkältet. Der linke hatte Bronchitis. Ich hatte nicht mal Zeit gehabt, mein Trikot drüber zu ziehen. Ich war sehr aufgeregt. Was machte ich da? Ohne jegliche Logik. Ich fuhr einfach nach England, während mein Visumantrag gerade in London bearbeitet wurde. Die anderen merkten meinen Zustand. Der Nachbar vor mir hatte den Verdacht, ich wäre ein Bayernfan, der mit den Dortmundern fuhr. Ich klärte sie alle auf. Sie hatten auch Mitleid. Was sonst. Ich erzählte, dass ich meine Chancen auf Erfolg auf 5% beziffern würde. Selbst das war optimistisch. Sie waren beeindruckt. Und dann war es schon kurz vor 12. Der Bus fuhr los. Alle schliefen. Morgen war das große Finale.

Das Spiel: Mit dem Feuer

Am Samstag um sieben Uhr wachten wir auf. Alle hatten Nackenschmerzen. Im Bus zu schlafen, war nicht das Bequemste. Und wir waren angekommen. Im Hafen von Calais. Nach über sechs Stunden Fahrt. Jetzt kam die Passkontrolle. Face to Face. Meine Nachbarn wünschten mir alle Glück. Ich schaltete noch mal schnell mein Gehirn ein. Dachte an die 5%. Zwei Varianten schossen mir durch den Kopf. Entweder ich zeigte meinen deutschen Führerschein, machte auf doof und sagte, ich hätte meinen deutschen Ausweis daheim vergessen. Oder ich erzählte die Wahrheit. Ich entschied mich doch lieber für die Wahrheit. Also los, ich war dran. Ich hatte das Gefühl, ich hätte den unfreundlichsten Zollbeamten von allen erwischt. War echt witzig, ALLE anderen Reisenden brauchten gefühlte fünf Sekunden, um die Grenze zu überqueren. Sie waren ja auch alle EU-Bürger. Bei mir dauerte es länger. Der Beamte erzählte mir, dass ich ein Visum für Großbritannien bräuche. Ach ne. Das wusste ich doch. Tja, Pech, sagte er. Michi, der Busbeauftragte von der Fanabteilung, stand mir zur Seite und bestätigte dem Beamten, dass ich zur Gruppe gehörte. Aber er mahnte auch, er hatte keine Zeit. Die Fähre. Ich sagte zu ihm: „Ok, geht schon, ich warte.“ Er wollte meine Karte noch haben. Damit er sie verkaufen konnte. Er hatte mich wohl aufgegeben. Ich sagte: „Nein.“ Ich behielt die Karte, das war doch mein letzter Trumpf. Michi ging. Mein Bus fuhr weiter. Ohne mich. Ich stand alleine in Calais. Besser gesagt: UK Border Agency. Der Beamte schaute mich wie ein frisch lackiertes Auto an. Also setzte ich meinen letzten Joker. „Hör zu. Isch leben in Deutschland. Sehr lange. Isch arbeiten in Deutschland. Isch kein Terrorist. Isch ein Ingenieur. Nur ein fußballverrückter dazu. Mein Verein spielt im Finale. In Wembley. Vor zwei Jahren waren auch zwei englische Teams im Finale. In Moscow. Die englischen Fans brauchten auch Visa. Der Aufschrei war groß. Die russische Regierung entschied kurzfristig, dass alle CL-Tickets als Visum für 48 Stunden gelten. Ich habe doch auch ein CL-Ticket. Und ich will sicher nicht in England bleiben. Ich habe bereits ein Visum beantragt. Hier der Nachweis. Und die Bestätigung vom Arbeitgeber auch. Übrigens mein Pass ist bereits in London. Bei euch. Ich will doch nur dabei sein.“ Das Gesicht von dem Beamten verriet es nicht. Aber mein Auftritt hatte Wirkung gezeigt. Er stand auf und ging. Zu seinem Chef. Ich durfte sitzen und warten. Fünf Minuten. zehn Minuten. 15 Minuten. 25 Minuten. Und dann kam er, schaute mich an und sagte: „You are going to Wembley.“ Alter. Aber davor brauchte er noch fünf Minuten, um auf ein Blatt Papier ein paar Notizen zu schreiben. Das Stück Papier erinnerte mich an den ersten Vertrag von Messi bei Barcelona. Er schrieb auf, wer ich war, was ich dabei hatte, wie groß ich war, Augenfarbe, usw. Dann wollte er meine Unterschrift. Auf der hinteren Seite schrieb er, dass sein Chef persönlich für mich bürgte, dass ich mir das Spiel in Wembley anschauen dürfe. Stempel drauf. Viel Spaß wünschte er mir noch. Und dass der BVB gewinnt. Alter. Ich hatte es noch nicht realisiert. Es ging doch. Die 5% hatten die 95% besiegt. Der Underdog gegen den Favoriten. Ich gegen alle Zweifel. Vereinsliebe gegen Bürokratie. Echt romantisch. Ich durfte nach Wembley. Yeah. Heja BVB. Autsch. Aber mein Bus war nicht mehr da. Ich musste irgendwie auf die Fähre kommen. Ach, da stand ein Reisebus von einer bekannten Agentur. Ja, nein, vielleicht. Ok, sie nahmen mich bis zur Fähre mit. Den Preis machten wir später aus. Hmm, ich war erleichtert. Immerhin. Aber die Stimmung im Bus war nicht so toll. Viele hatten keine Karten. Ein paar Chaoten waren auch dabei. Und ein gereizter holländischer Busfahrer. Ich musste an Louis van Gaal denken. Ach du grüne Neune. Ich hielt es hier nicht aus. Wir fuhren zuerst in den Parkplatzbereich rein, der zur Einfahrt in die Fähre berechtigte. Ach, da hinten gab es weitere Busse und Autos. Ich verließ diesen Bus und lief weiter. Auf gut Glück. Von den Bussen der Fanabteilung keine Spur. Aber da war ein anderer Fanbus. Von der BVB | Fan-  und Förderabteilung[K2]  aus Aachen. Ich ging hin. Darf ich mitfahren? Die Präsidentin entscheidet. Aha. Frauenquote reloaded. Sie quatschten alle kurz miteinander. Kein Problem. Du kannst mitfahren. Puuh. Wieder mal hatte ich Glück. Die Gruppe war top. Sie waren super organisiert. Es gab Trinken, Essen, nette Leute. Und vor allem einen netten Busfahrer. Ich durfte vorne sitzen. Unterschrieb einen Disclaimer, dass ich nicht im Bus randalieren würde. Es fiel mir schwer, aber ich unterschrieb es. Ich wurde sofort integriert. Die Leute waren kontaktfreudig. Super. Die Fähre kam. Nach ’ner Weile waren wir in Dover. Alles gut. Wir fuhren nach London. Ich war das erste Mal in England. Mir wurde schlecht vom Linksverkehr. Gott sei Dank musste ich nicht fahren. Das Wetter war wie auf Mallorca. Die Sonne schien. Und ich hatte vom schlimmen englischen Wetter gehört. Egal. Die Fahrt im Bus war eine Freude. Gerade eben wurde das Champions-League-Finale von 1997 live übertragen. Kannte ich eh alles auswendig. Und jetzt gab es Musik. BVB-Lieder. Paradies. Ich fasste es immer noch nicht. ICH BIN TATSÄCHLICH AUF DEM WEG NACH WEMBLEY. Wie sagt Kevin immer? GEIL.

 

LONDON und die Hinfahrt nach Hause

Gegen 14 Uhr GMT kamen wir in London an. Wir stiegen mittendrin aus. Da war der Big Ben. Und alles, was zu London gehört. Wir stiegen aus dem Bus. Tranken das letzte Dosenbier. Und los ging es. Der Marsch durch London begann. Der Aachener Fanclub war lautstark. Wir fielen überall auf. Wir liefen weiter zum St. James Park und dann immer weiter. Auf einmal hatten wir es geschafft, Teil des Londoner Sightseeingprogramms zu werden. Auf einmal wollten Touristen ein Foto mit uns machen. Nicht mit der Queen. Wir waren in. Die Bayern in Lederhosen waren out. Auch wenn sie den Verkehr nicht blockierten. Nicht schrieen. Die Trikots unter der Jacke versteckten. Verrückte Welt. Ach, und da waren noch ein paar Japaner. Das Shinji-Kagawa-Lied wurde angestimmt. Die Japaner machten mit. Und Überraschung! Sie sangen mit. Sie kannten das Lied. Unfassbar. Oder waren das Koreaner? Es spielte keine Rolle. Die Londoner waren beeindruckt. Wir waren gut drauf. Jetzt wollten wir noch ein paar Stationen mit der U-Bahn weiterfahren und weiterfeiern, singen und marschieren. Die Aachener waren so organisiert, dass sie sogar Londoner U-Bahn-Tickets bereits in Deutschland (!) besorgt hatten. Ich musste noch ein Ticket kaufen. Riesenschlange. Verrückt. Bis ich dran kam, verpasste ich meine neuen Freunde aus Aachen. Schon wieder einen Bus verpasst. Das gab es doch nicht. Na ja, allein in London. Es gab Schlimmeres. Zum Beispiel allein in Calais. Oder allein in Bayern. Also schnell gecheckt. Die Verbindung zum Wembley Stadium gefunden. Eingestiegen. Angekommen. Drei Stunden bis zum Anpfiff. Die Olympische Meile war voll. Es war warm. Ich lief ein wenig rum. Dann kaufte ich etwas zu essen und trinken. Alleine machte zwar wenig Spaß. Aber so fokussierte ich mich auf das Spiel. Packt es heute der BVB? JA, sie packen es. Ich war überzeugt. Da würde nichts schief gehen. Bei mir reichten heute 5%, um die Grenze zu überqueren. Gegen die Bayern hatten sie mindestens eine 50%-Chance. Ich sprach mir Mut zu. Oder anders ausgedrückt: Ich ließ keine anderen Gedanken zu. Zwei Stunden vorm Anpfiff war ich im Stadion. Imposant. Cool. Hammer. Ich saß ganz nah am Spielfeld. Ich konnte die Spieler ganz gut erkennen. Wow. Im Stadion wurde ein Rahmenprogramm angeboten. Ich musste wieder an meinen Alptraum vor ein paar Tagen denken. Ich hatte geträumt, dass die Bayern 2:1 gewinnen. Das hatte ich einem Kumpel per WhatsApp geschrieben. Immerhin, er hatte geträumt, dass es nach 85 Minuten 1:1 steht. Aber der BVB habe sehr viele Chancen liegen gelassen. Hmm. Wenn Alpträume wahr werden. Neben mir saß nun ein Bayernfan. Tatsächlich ein Bayernfan. Mit allem Drumherum. Mitten im BVB-Block. Ich konnte es nicht glauben. Ein Dortmunder Kollege, der zwei Karten gewonnen hatte, hatte ihm eine Karte besorgt. Fans und Fans. Da gibt es Unterschiede. Mein bester Freund ist auch ein Bayernfan. Aber das war eben sein Pech. Er hatte die zweite Karte nicht bekommen. War doch klar. Und jetzt saß dieser Bayernfan neben mir. Und dann erzählte er, dass er auch noch aus Ulm komme. Na toll. Ich kam extra nach Wembley, halb-illegal, um einen Bayernfan aus meiner Stadt im BVB-Block zu treffen. Das waren ja Geschichten. Dann war es fast soweit. 20 Minuten noch bis zum Anpfiff. Michael, dem ich gestern Abend die eine Karte verkauft hatte, kam an. Er konnte es nicht fassen. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Er schüttelte den Kopf. Wir hatten Spaß. Das Spiel fing an.

 

Die Geschichte ist bekannt. Ich hatte keine Sekunde den leisesten Zweifel, dass wir das Spiel gewinnen würden. Zu gut war der BVB in der ersten Halbzeit. Ja ok, die Bayern hatten auch ein paar Chancen, aber ganz ausschalten konnte man sie nicht. Pause. Aha, ich bekam eine SMS, dass der Ribéry ROT hätte sehen MÜSSEN. Hmm, wenn das sich nicht rächte. Mal sehen. Zweite Halbzeit. Alles lief nach Plan. Zwar waren die Bayern jetzt besser im Spiel, aber solange sie Weidenfeller anschossen, konnte ja nichts schief gehen. Dann passierte es doch. Das Gegentor fiel. Alle weinten. Ich nicht. Ich hatte Schlimmeres in meinem Leben erlebt. Also weiter, immer weiter. Auf geht’s, BVB! Und siehe da. Elfmeter. Gelb-Rot für Dante. Wir jubelten. Das war die Wende. Ähmm. Warte. Elfmeter ja. Aber kein Rot für Dante. Häää? Egal. Gündoğan stand bereit. Viele konnten nicht hinsehen. Ich tat es. Und er machte es. Das Stadion bebte. Spätestens jetzt war es klar: Der BVB gewinnt das Spiel. Gleich der nächste Konter ist brandgefährlich. Ich spüre es. Wind of Change. Und dann konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Auf einmal sah ich den Klopp auf uns zukommen. Er klatschte. Die Spieler hinterher. Die Köpfe waren unten. Ich verstand. Der BVB hatte verloren. Aber warum? Und wie? Ach ja, da war dieser lange Pass, dann war irgendwie Ribéry dran und dann sah ich den Robben jubeln. Und danach gab es vier Wechsel auf beiden Seiten. Ich sah den Schieber am 16-er. Er hatte den Ball, er drehte sich und schoss. Ich sah den Ball im Tor. Aber leider halluzinierte ich gerade. Neuer hatte ihn. Die Zeit lief ab. Die Bayern hatten gewonnen. Ich war traurig. Aber ich akzeptierte es. Aber nur, weil sie eben nicht besser waren. Es war eine Niederlage mit Würde. Ich fühlte mich stolz. Und trotzdem wieder traurig. Als der Hoeneß den Pokal hochstemmte, verließ ich das Stadion. Es reichte. Gut ist. Ich schrieb eine SMS an eine Handvoll Freunde von mir, die Bayernfans sind. Ich gratulierte. Fair bleiben. Ich dachte an Milito und Drogba und fühlte mich besser. Dat Lebbe gedd weiddda. Raus aus dem Stadion. Alleine. Nüchtern. Müde. Erschöpft. Traurig. Wembley. Just in dem Moment sah ich die Zwillingsbrüder von gestern Abend in Strobels. Ach, sie konnten es auch nicht fassen. Ich war tatsächlich im Stadion. Wow. Aber wir waren alle geknickt. Nebenan gab es ein Lokal für BVB-Fans. Es hätte die große Feier sein sollen. Es wurde der große Kater. Ich bestellte drei Bier für zwölf Pfund. Aber sie nehmen auch Euro. Wechselkurs ein Pfund gleich zwei Euro. Also 24 Euro für drei Bier. Na ja, es gab Schlimmeres. Wir tranken ein paar Bier. Aber die Stimmung war im Keller. Die Busse sollten erst um zwei Uhr englischer Zeit wieder nach Hause fahren. Unerträglich. Glücklicherweise sahen das alle so. Ich bekam einen Anruf von meinem Busbeauftragten Michi. Ich sollte gleich zum Bus kommen. Wir fuhren gleich los. Immerhin. Im Bus angekommen bekam ich die letzten Glückwünsche für meinen riskanten Schritt an der Grenze. Die Fans zollten mir Respekt. Das tat gut. Die Niederlage war trotzdem hart. Wir schliefen bald alle ein.

Als ich wieder aufwachte, waren wir in Dover. Riesenparkplatz. Die Fähre fuhr erst um 08.30 Uhr englischer Zeit. Es war hart. Langweilig. Immerhin gab es da einen Burger King, eine Toilette, einen Supermarkt und einen Kaffeeladen. Aber die Schlangen waren unendlich. Ich ging zurück zum Bus. Dann kam die Nachricht. Der Start unserer Fähre wurde um drei Stunden verschoben. Die eine Fähre wäre voll. Und man wollte Dortmunder und Bayern strikt trennen. Es hätte Schlägereien gegeben. Interessant. Dafür waren wir am Parkplatz alle zusammen. Und in den Schlangen zum Burger King, Toilette usw. auch. Das ging also. Irgendwann waren die drei Stunden vorbei. Die Fähre kam. Wir fuhren zurück. Um ca. 14.30 Uhr waren wir wieder in Calais. Würde ich wohl wieder kontrolliert? Vielleicht durfte ich jetzt in die EU nicht wieder einreisen? Nein, die Franzosen hatten keine Lust auf Kontrolle. Wir fuhren durch. Einer verteilte Bier im Bus. Der andere hatte eine Flasche Rum dabei. Ich hielt mich zurück. Und dachte an „Fluch der Karibik“. Zu hart waren die letzten Tage. Aber der Alkohol veränderte die Stimmung im Bus. Hemmungen fielen. Es wurde gesungen. Einer fand im Internet Ebbe-Sand-Lieder. Das waren echte Schlager. Wir sangen. Und lachten. Und beschlossen kurzfristig, das war eben unsere Hinfahrt und nicht die Rückfahrt. Also fingen wir an zu wetten. Wetten, dass Gündoğan heute einen Elfmeter rein macht? Wetten, dass es lange unentschieden stehen wird?

Wir verarbeiteten die Niederlage auf unsere Art. Die Bayernfans, die mit Bussen und Autos vorbeifuhren, machten einen traurigen Eindruck. Keiner feierte. Ich konnte es verstehen. Sie hatten ja schließlich die Champions League gewonnen. Kampf der (Fußball-)Kulturen. Ich machte neue Bekanntschaften im Bus. Die Fahrt wurde unvergesslich. Wir waren müde, aber zufrieden. In Dortmund kamen wir gegen 21 Uhr an. Schnell noch ein Gruppenerinnerungsfoto. Nummern ausgetauscht. Nur wie kam ich jetzt am Sonntagabend von Dortmund nach Ulm? Gute Frage. Ein Busnachbar erzählte, er würde über Frankfurt Flughafen nach Hause fahren. Er könnte mich mitnehmen. Hörte sich doch gut an. Um 22.30 Uhr war ich am Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens. Mein nächster Zug nach Ulm ging am Montag um 0.28 Uhr. Zwei Stunden Wartezeit. Machte nix. McDonalds. Sportnachrichten lesen. Die Worte von Watzke und Klopp machten Mut. „Es werden sich einige wundern, was wir nächstes Jahr für eine Mannschaft haben werden“, sagte Watzke. Ich hoffte in dem Moment, ich würde auch zu denen gehören, die sich wundern würden. Und der Klopp wollte in zwei Jahren nach Berlin. Hä, was sollte das? DFB-Pokal? Uninteressant. Und dann kam der Geistesblitz. In einem Fernseher bei McDonalds liefen die Sportnachrichten: „Champions League Finale 2015 in Berlin“. Aha. Geil. Das motiviert. Ich war wach. Das war doch ein tolles Ziel. Ich spürte neue Energie. Kloppo, du Bravehart!

Mein Zug kam. Ich schlief ein. Dann wachte ich auf. Wir hatten 45 Minuten Verspätung. Endlich kam ich in Ulm an. Um 04.08 Uhr. Schnell ein Taxi nehmen. Nach Hause fahren. 04.30 Uhr. Ich lag in meinem Bett. In ein paar Stunden musste ich arbeiten gehen. Ich dachte an den Film „Hangover“. Gibt es eine Fußballversion davon?

Mein Finale Wembley Alban Ferizi

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